„Unermessliches Leid“, ein plötzlich beendeter „Traum vom Leben“, später ein „trostloser Sturz in den Todesschacht“, das ist, auch bei weitestgehender Auslegung der Bibel, starker Weihnachtstobak. Eine Zumutung im besten Sinne, so wie sie Christian Gerhaher (Foto: Gregor Hohenberg / Sony) liebt. Über viele Gemeinsamkeiten ließe sich ja bei der Kopplung von Alban Bergs „Altenbergliedern“ mit zwei Arien aus Franz Schuberts „Alfonso und Estrella“ in diesem Gasteig-Konzert sinnieren. Über den dunklen Gehalt, die Entwicklungslinien der Romantik, die distanzierende Sarkastik, vielleicht auch darüber, warum um Himmes Willen all das kaum gesungen wird.
Besonders aber ließe sich grübeln über einen Sänger, dem die Übergröße der Philharmonie egal scheint, deshalb sich und uns eine halbe Stunde Intimität gönnt. Sowohl Schuberts balladenhaften Nummern als auch Bergs auskomponierte Leerstellen sind Gerhahers Lieblingsspielwiesen. Wo das Sprechen, das Erschmecken von Silben aufhört, wo der Gesang, die Überhöhung in Musik und auf eine neue Bedeutungsebene beginnt, diese Grenzen werden aufgehoben. Mühelos auch in hoher Lage bewegt sich Gerhaher bei Berg auf einer Vokallinie, die Peter Altenbergs nihilistische Worte umschleicht. Mehr als Kontrolle ist das, eher eine Durchdringung der anderen Art – die man gern im Prinzregententheater oder andernorts intensiver erlebt hätte. Darauf als Zugabe Leporellos „Registerarie“ zu setzen – weniger nett gemeinter Rausschmeißer ist das, eher kalte Dusche.
Nach der Pause dürfen die Bamberger Symphoniker die Ebene des Leisen, Subtilen verlassen. Wobei auch die vierte Symphonie von Brahms bei Jakub Hrůša ein sehr charakteristisches Erlebnis ist. Man begreift, warum der neue Chef dem Ensemble gut tut: weil er dessen größtes Pfund, diesen warmen, weichen, nie verkanteten Klang hegt und pflegt. Im Finale gibt’s berückende Stillstandsmomente in den Bläsern, zuvor im Andante spielen die Geigen ihre Phrasen schokoladenfüllig aus. Kantabilität und Noblesse sind Hrůša wichtiger als Druck und Härte. Eine in sich schlüssige Auslegung, die der Vierten jedoch etwas verweigert. Jene Dimension, die Gerhaher zuvor im Übermaß lieferte: Existenzielles.