Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

von Redaktion

Liebe nur noch digital und in Echtzeit: Warum die Lieder von früher im WhatsApp-Zeitalter nicht mehr funktionieren

von jörg heinrich

Das Internet, das Smartphone, die großen Wegrationalisierer unserer Zeit, haben schon vieles überflüssig gemacht. Digitalkamera, Stadtplan oder Taschenrechner braucht keiner mehr. Und nebenbei haben moderne Technik und Apps auch noch eine ganze Musikgattung dahingerafft – die Lieder, in denen entflammte junge Menschen sehnsüchtig darauf warten, dass die oder der Liebste endlich einen Brief schickt oder anruft.

„Please Mr. Postman“: Das bange Warten, ob der Postbote die erhofften Zeilen in seiner Tasche hat, kann sich die WhatsApp-Generation überhaupt nicht mehr vorstellen. Denn sie wird in Liebesdingen rund um die Uhr in Echtzeit auf dem Laufenden gehalten. Wenn der Postmann nicht mehr klingelt, wenn keine Verliebten mehr auf einen Anruf warten müssen, wenn die Songs von früher nicht mehr funktionieren, dann ist das praktisch, aber nicht romantisch.

„P.S. I love you“ – schon 1962 outeten sich die Beatles als emsige Briefeschreiber. Ein Jahr später, in „All my Loving“, zeigte sich Paul McCartney noch eifriger und versprach, im Akkord jeden Tag nach Hause zu schreiben: „I’ll write home every Day, and I’ll send all my loving to you.“ Im gleichen Jahr coverten die Fab Four das berühmte „Mr. Postman“ der Motown-Mädchenband The Marvelettes, das allerdings niemand mit so süßer Sehnsucht sang wie Karen Carpenter 1974: „There must be some Word today, from my Boyfriend so far away.“ Einen Brief oder wenigstens eine Karte hatte sie sich erhofft, mit Tränen in den Augen. Doch der Postbote, der Schuft, zeigte sich hartherzig und enttäuschte Karen Tag für Tag. Und das, obwohl er damals auch noch montags kam, im Gegensatz zu heute.

Das Verlangen nach einem Brief ist ein Klassiker der Popmusik, während über das Verlangen nach einer WhatsApp-Nachricht noch nie jemand einen Hit geschrieben hat. Muss man ja auch nicht, wenn die Statusmeldungen im Sekundentakt aufschlagen, sodass man mit dem Lesen kaum nachkommt. Die schwedische Kapelle Secret Service hatte es 1980 noch nicht so kommod. Sänger Ola Håkansson (heute auch schon 72) quälte sich in „Ten O’Clock Postman“ beim Warten auf den Briefträger, dass es schon nicht mehr schön war: „Ich renne durchs ganze Zimmer und frage mich, warum ich nicht mit dem Nägelkauen aufhören kann. Warum trage ich dieses Gefühl des Untergangs in mir? Aber nur noch ein paar Stunden, dann bekomme ich die Post.“ Der arme Kerl.

Vielleicht ist WhatsApp ja doch keine so schlechte Idee. Junge Menschen von heute können dieses Elend kaum mehr nachvollziehen. Nur mehr hartnäckige Nostalgiker wie die Wiener Band Wanda erhalten überhaupt noch Briefe: „Schickt mir die Post schon ins Spital!“ Doch Justin-Bieber-Fans schreiben keine Post mehr an ihren Liebling so wie Marianne Rosenberg 1970 in ihrem Debüthit „Mr. Paul McCartney“: „Ich nahm rosa Briefpapier, in allen Farben schrieb ich Dir. Doch es traf bis heute keine Antwort ein. Mr. Paul McCartney, weißt Du, wie ich leide? Ohne Wort von Dir bin ich einsam.“

Heute ist Sir Paul auf Twitter (@PaulMcCartney). Und vielleicht würde er binnen Sekunden lesen, was ihm Mariannchen aus Berlin tweetet, wenn auch nicht mehr auf rosa Briefpapier. Briefe schreibt kaum mehr jemand, und Telegramme sind komplett ausgestorben. „Telegram Sam“, der T.-Rex-Glamrocker von 1972, wirkt ebenso antik wie „Telegram“ vom Münchner Disco-Trio Silver Convention, Deutschlands Grand-Prix-Beitrag von 1977. Hier warteten die Mädels ausnahmsweise nicht, bis ein Telegramm bei ihnen eintrifft, sie wurden in einer frühen Form von Emanzipation selbst aktiv: „Ich werde ihm ein Telegramm schicken. Und dann lässt er mich vielleicht nicht mehr hier schmachten. Bereits heute Abend wird er unterwegs sein, und morgen bleibt er hier.“

Auch solche Veränderungen in der gemeinsamen Lebensplanung ließen sich heute weitaus zügiger klären. Während Telegramme in Liebesbeziehungen nur am Rande eine Rolle spielten, kam dem Telefon in der amourösen Kommunikation stets eine enorme Bedeutung zu. Es gibt ganze Hitlisten von Songs, die sich ums sehnsuchtsvolle fernmündliche Gespräch drehen. Bei Abba hing das Telefon 1973 sogar noch immobil an der Wand: „Ring, Ring, I stare at the Phone on the Wall.“ In Blondies „Hanging on the Telephone“ suchte Debbie Harry 1978 eine Telefonzelle auf: „I’m in the Phone Booth, it’s the one across the Hall.“ Zwei Jahre später versuchte es die Wasserstoffblondine in ihrer Not dreisprachig: „Call me, appelle-moi, llamame!“

Stevie Wonder schickte 1984 auch noch keine WhatsApp, um einfach nur zu sagen, dass er sie liebt. Er rief an, was blieb ihm anderes übrig? „I just called to say I love you.“ Heute telefonieren in Hits höchstens noch hoffnungslose Romantiker wie Adele („Hello“). Doch meist gilt: „Kein Schwein ruft mich an“ – was Max Raabe 1992 vorausahnte. Seit der Erfindung des Smartphones wird weniger denn je telefoniert. Und die oft komplexen romantischen Verwicklungen von einst gibt es längst nicht mehr.

Der österreichische Liedermacher Peter Cornelius kann davon ein Lied singen. Er verwählte sich 1977, hatte (ohne es zu wissen) seine Holde am Apparat und wollte die Dame mit der umwerfenden Stimme dringend kennenlernen. Aber: Welche Nummer hatte er überhaupt gewählt? Der Peter bettelte vor vierzig Jahren „Gib ma dei Telefonnummer“ – und der junge Mensch, der das Lied heute hört, wundert sich: „Ja dann drück halt auf Wahlwiederholung!“ Aber auch die gab es damals noch nicht. Heute gibt es dafür ganz neue Ansätze, um moderne Kommunikation in Liedform zu packen. „Wenn Dein Handy nicht klingelt, bin ich das“, singt Ina Müller.

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