Nicht mehr zugänglich für das breite Publikum? Zu experimentell und abgehoben? Zu viel Performance und freie Kunstprojekte? Seit Matthias Lilienthal im Jahr 2015 die Intendanz der Münchner Kammerspiele übernommen hat, ist ein Streit über die Ausrichtung des Theaters entbrannt. Der Berliner polarisiert. Lilienthal hat inhaltlich und ästhetisch neue Parameter gesetzt, die nicht jedem gefallen. Vor allem dem Stammpublikum nicht. Die neueste Statistik: Die Zahl der Abonnenten ist binnen einer Spielzeit von 4661 auf 3808 zurückgegangen. Auch die Gesamtzahl der Besucher reduzierte sich im Vergleich zur Spielzeit 2015/16 von 158 000 auf 146 000. Die Platzauslastung des Theaters lag bei 63 Prozent, auch das ein Einbruch gegenüber den vorangegangenen 73 Prozent. Dies alles geht aus dem Lagebericht hervor, der heute im Kulturausschuss des Stadtrats diskutiert wird. Dort heißt es unter anderem: „Ein gewisser Vertrauensverlust des Stammpublikums ist zu verzeichnen.“
„Die Zahlen erfreuen uns wenig“, sagt der kulturpolitische Sprecher der CSU-Fraktion, Richard Quaas, im Vorfeld der Sitzung. Die Kammerspiele seien als Stadttheater „von einem Spitzenplatz ins Bodenlose abgestürzt“. Bei aller künstlerischen Freiheit müsse man sich auch Gedanken über die Wirtschaftlichkeit der Bühne machen, meint Quaas. Er kenne viele Leute, die nicht mehr in die Kammerspiele gehen.
Julia Schönfeld-Knor von der SPD-Fraktion betrachtet die Entwicklung zwar „mit Sorge“. Aber dass mit Lilienthal ein gewaltiger Umbruch stattfinden würde, sei allen klar gewesen. Und man müsse auch sehen, dass viel jüngeres Publikum erschlossen werden konnte. Außerdem, so findet Schönfeld-Knor: „Das Niveau des Theaters ist nach wie vor hoch, nur anders und ungewohnt.“ Florian Roth, Kultursprecher der Grünen, sieht das ähnlich: „Wir haben jemanden eingekauft, der für risikofreudiges und experimentelles Theater steht. Da kann man sich jetzt nicht beklagen.“ Dennoch dürfe man bestimmte Bedürfnisse des angestammten Publikums nicht vernachlässigen, meint Roth. Mit „mehr Klassikern“ werde auch gegengesteuert. Der Grünen-Fraktionschef stellt überdies fest: „Überregional ist das Renommee der Kammerspiele nicht schlecht.“
Das Kulturreferat mit Hans-Georg Küppers (SPD) an der Spitze stützt Lilienthal und die Neukonzeption der Kammerspiele, wie man weiß. Und überregional haben die Kammerspiele in dieser Woche in der Tat einen großen Erfolg erzielt: Mit Brechts „Trommeln in der Nacht“ (Regie: Christopher Rüping) und „Mittelreich“ nach Josef Bierbichlers Roman (Regie: Anta Helena Recke) ist das Haus mit gleich zwei Arbeiten zum 55. Berliner Theatertreffen eingeladen (wir berichteten). Das Festival zeigt vom 4. bis 21. Mai die „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ deutschsprachiger Theater. Dass es mit Lilienthal angesichts der öffentlichen Diskussionen zu einer Vertragsverlängerung über 2020 hinaus kommen wird, gilt zum jetzigen Zeitpunkt dennoch als unwahrscheinlich. Und man weiß ja nicht einmal, ob Lilienthal das selbst wollen würde. Denn so richtig scheint der Intendant in München immer noch nicht angekommen zu sein. » Kommentar Seite 2