„Ah, was für eine Stadt…, was für eine strahlende, bedeutende Stadt: Hier wurden alle Sprachen gesprochen, hier wurde alles gebaut und ging alles kaputt, hier glauben die Leute keinem Geschwätz und sind doch sehr geschwätzig, hier steht der Vesuv und erinnert dich jeden Tag daran, dass auch die größte Tat der mächtigen Menschen, das herrlichste Werk, durch Feuer, Erdbeben, Asche und Meer in wenigen Sekunden in nichts verwandelt werden kann.“ Das ist Neapel – ein Symbol für das Schicksal der Menschen und die Geschicke des westlichen Europa. Und so wie das Mädchen Lina, meist Lila genannt, als erwachsene Frau ihre Stadt schildert, so erlebt sie auch der Leser der von Elena Ferrante literarisch geradezu unwiderstehlich verfassten, vierteiligen neapolitanischen Saga. Nach „Meine geniale Freundin“, „Die Geschichte eines neuen Namens“ und „Die Geschichte der getrennten Wege“ ist jetzt der vierte und letzte Band auf Deutsch erschienen: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“.
Die Ehen gescheitert, die Liebschaften prekär, die Enttäuschungen groß: Aus den jungen Mädchen sind gestandene Frauen geworden. Die eine, Lenù, die als 60-Jährige die Geschichte ihrer langen Freundschaft mit Lila und damit die Geschichte der vergangenen 50 Jahre des Armenviertels Rione über eine Spanne von vier Romanen so wunderbar aufzuschreiben vermochte, hat als promovierte Schriftstellerin durch ihre, wenn mittlerweile auch gescheiterte Ehe, den Sprung in eine andere gesellschaftliche Liga geschafft. Lila dagegen, die geniale, begehrenswerte und immer geheimnisvoll bleibende Schulabgängerin nach der fünften Klasse, Proletarierin, Aufsteigerin ins Neureichen-Milieu, Unternehmerin und scharfsinnige Denkerin, die mit ihrer Intelligenz und ihrem Mut alle dominiert, bleibt bis zu ihrem wundersamen Verschwinden am Schluss dem Rione verhaftet; nie ist sie gereist, nie aus Neapel herausgekommen, und doch kennt sie das Leben und die Welt.
Endlich, auf Seite 425, ist es soweit: Der Leser weiß, um welches Kind es sich handelt, das verloren gegangen ist. Doch hier soll nichts verraten werden. Denn Elena Ferrante, die Autorin, schafft es bis zur letzten der mehr als 600 Seiten, mit immer wieder unvermuteten Wendungen, nicht zu erahnenden Aus- und Einblicken ihre Leser zu überraschen. Man staunt, wie es ihr dabei gelingt, die detailreiche Lebensgeschichte der beiden Freundinnen in ihrer ganzen Komplexität zu erzählen und gleichsam mit der gesellschaftlichen Entwicklung sowie dem moralischen Zerfall der korrupten politischen Klasse Italiens zu verbinden. Zwischen Camorra und den Parteien ist in den Achtziger- und Neunzigerjahren so groß der Unterschied nicht mehr.
Das muss Lenú erfahren, die wegen ihres neuen Liebesgefährten Nino Sarratore, des Freundes aus Kindertagen, mit ihren zwei Töchtern zurück nach Neapel gezogen ist. Sie teilt sich hier den schönen Professor mit dessen wohlhabender Ehefrau, bekommt fast gleichzeitig mit der Gattin ein Kind von ihm, hat nun drei Mädchen zuhause, muss registrieren, dass der Geliebte sexuell vor keiner Frau Halt macht und schließlich durch Schwiegervaters Protektion und Geld als sozialistischer Abgeordneter nach Rom abwandert und nun dort ein weiteres Feld bestellen wird.
An Lila, die das alles weiß und dennoch mit ihm auf unausgesprochene, nur zu ahnende Weise verwoben ist, zehren andere Sorgen. Auch sie bekommt – freilich ein großes Glück – ein weiteres Kind, diesmal von Enzo, ihrem rechtschaffenen Lebenspartner, der sie einst gerettet hat aus dem Chaos ihrer frühen Ehe, mit dem sie eine Computerprogramm-Firma aufgebaut und es damit nicht nur zu Wohlstand, sondern auch zu Geheimwissen gebracht hat über die Machenschaften der Solara-Brüder. Aber Angst bereitet den Freundinnen zudem das Schicksal eines ihrer Kindheitsgefährten, des ehemaligen Kommunisten Pasquale, der als zur Fahndung ausgeschriebener Terrorist untergetaucht ist. Anlass für die Autorin, auch die Vergangenheit nicht außer Acht zu lassen: den Terror der italienischen Faschisten, den Klassenkampf zwischen den Vätern und den geheimen, bis in die Gegenwart reichenden Hass.
Ein gravierender Einschnitt im Leben der beiden Frauen wie auch in der Symbolik des Buches von der Brüchigkeit der Welt ist das von Ferrante eindrucksvoll beschriebene schwere Erdbeben, das im November 1980 rund um Neapel etwa 3000 Todesopfer forderte. Als würden sich die Konturen auflösen, Menschen und Dinge zerfließen – die sonst so kontrollierte Lila gerät panikartig außer Kontrolle, um am Ende der Attacke ihre Freundin anzuflehen: „Bitte, bitte, lass mich jetzt nicht allein, sonst gehe ich zugrunde.“ Es ist eine einzigartige Verbindung, die diese auch rivalisierenden Frauen derart unzertrennlich sein lässt. Als sei die eine das Medium der anderen. Unbewusst, ungewollt, aber doch irgendwie von einem inneren Zwang bestimmt, ist alles Schreiben Lenùs letztlich auf Lila ausgerichtet. Die schriftstellerische Arbeit ist die intellektuelle Spiegelung dessen, was Lila denkt. Die Vermischung der Stände findet realistisch gesehen nicht statt. Klassen mögen im Laufe der Jahrzehnte abgebaut sein, aber nicht im Dünkel der geistigen Elite als Teil und Mitträger von Korruption und Lüge.
Was heißt hier „geniale Freundin“? Wir haben es mit einer genialen Autorin zu tun, die auch im Abschlussband ihrer Neapel-Saga ein so fantasievolles wie engmaschiges Netz auswirft über das Neapel, das alles einfängt, was diese Stadt und ihre Menschen einmalig macht, im Guten wie im Bösen. Über annähernd 2000 Seiten lang lebt man durch die Lektüre dieser vier Teile mit all jenen Menschen zusammen. Sie alle trägt man nun in sich; außerhalb ihrer Roman-Wirklichkeit existieren sie in einem weiter. Etwas Besseres kann der Autorin eigentlich nicht passieren.
Elena Ferrante:
„Die Geschichte des verlorenen Kindes“. Aus dem Italienischen von Katrin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin, 615 Seiten; 25 Euro.