Mit 13 Nominierungen geht „Shape of Water“ von Guillermo del Toro Anfang März als Favorit in das Rennen um die Oscars. Der Film gewann bei den Festspielen in Venedig bereits den Goldenen Löwen, bei den Golden Globes wurde der Mexikaner gerade für die beste Regie ausgezeichnet. „Shape of Water“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Form des Wassers“, erzählt von einer stummen Putzfrau, die sich in ein Fabelwesen verliebt. Wir trafen den 53-jährigen del Toro vor dem morgigen Kinostart seines Films zum Gespräch.
-Denken Sie, dass die Debatten um Missbrauch und #MeToo etwas in Hollywood ändern?
Ich denke, die Zeit der Preisverleihungen ist die Zeit, Sorgen anzusprechen. Das war schon immer so. Ob Faye Dunaway, Marlon Brando oder Julie Christie – viele Menschen haben sich die Zeit genommen, über Sorgen zu sprechen, die ihnen Politik und Gesellschaft machen. Ich denke, das ist der richtige Zeitpunkt. Denn die Zeit der Preisverleihungen ist der Moment, in dem die Welt aufs Filmgeschäft schaut und darauf hört, was da gerade los ist. Wird die Diskussion etwas ändern? Ich glaube schon. Ich glaube, sie hat schon etwas geändert. Ich denke, allein die Tatsache, dass man seine Sicht der Wahrheit offen sagen kann, ist eine riesige Veränderung. Der Wandel mag nicht auf einen Schlag passieren, aber er passiert und ich denke, schon das ist ein neuer Zustand.
-Wie sind Sie auf die Idee für „Shape of Water“ gekommen?
Als Kind habe ich die „Der Schrecken vom Amazonas“-Filme gesehen. Ich liebte sie, vor allem den ersten. Ich wollte, dass die Geschichte, die Liebesgeschichte, gut endet. Aber das passierte nicht. In den Neunzigern habe ich versucht, daraus eine Art B-Movie mit einer Liebesgeschichte zu machen, aber das hat nicht funktioniert. Im Dezember 2011 habe ich dann Daniel Krauss getroffen, mit dem ich gemeinsam „Trollhunters“ geschrieben habe. Er brachte mich auf die Idee, dass die Putzfrau in einem Regierungsgebäude die Kreatur mit nach Hause nimmt. Ich hatte das Gefühl, dass das die perfekte Lösung für die Liebesgeschichte ist – weil die unsichtbaren Leute zusammenkommen. Leute ohne Namen, ohne Stimme, ohne eine Präsenz kommen zusammen, um sich gegenseitig zu retten. Ich habe dann 2012 angefangen, daran zu arbeiten, und es dauerte, die Finanzierung zusammenzubekommen. Und es brauchte Zeit, das Wesen zu entwickeln. Wir wollten ja kein Monster, sonder einen Gott, einen Flussgott, eine wunderschöne, transzendentale Figur.
-Während der Gala zu den Golden Globes haben Sie gesagt „Monster haben mich oft gerettet und freigesprochen“. Was meinten Sie damit?
Ich wurde als Kind katholisch erzogen. Der Katholizismus ist unglaublich streng bei der Frage, was gut und was schlecht ist, wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle. Wir wurden alle mit der Erbsünde geboren und so weiter. Das hat mir riesige Angst gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass alle meine Gefühle, die nicht denen eines in Anführungszeichen „guten Jungen“ entsprachen, eine Sünde und schrecklich sind. Monster haben mir dann die Möglichkeit eines Lebens mit Unvollkommenheit gebracht. Sie erlaubten es, nicht perfekt zu sein, und waren wunderschön auf ihre Art. Ich sah sie mit großer Liebe und Bewunderung. Sie wurden Schutzpatrone der Unvollkommenheit für mich.
-Was ist ein Monster für Sie?
Nun, ein Monster sind für mich wir alle. Ein Fehler ist eine Tugend, die noch nicht richtig betrachtet wurde. Wissen Sie, für die meisten von uns – Männer, Frauen, Lateinamerikaner, Europäer, was auch immer – gibt es eine Ideologie, wie ein Mann sein muss, wie eine Frau sein muss, wie dein sozialer Status, deine Religion, sexuelle Vorlieben, soziale Zugehörigkeit, wie dein Pass sein muss. Alle diese Ideen und Ideologien sind auf eine Weise konstruiert, die wir alle akzeptieren. Aber als Individuen sind wir alle insgeheim gebrochen. In unseren intimen Gedanken sind wir alle gebrochen. Für diese Brüche gibt es keinen Raum. Monster und Märchen hingegen sagen dir, dass du damit leben kannst. Du kannst damit existieren und trotzdem schön sein.
-Einige Charaktere Ihres Films sind Außenseiter, die am Rand der Gesellschaft leben.
Sind unsichtbar, ja. Das war für mich sehr wichtig. Der Film ist eine Allegorie auf unsere Zeit, auch wenn er 1962 spielt. Wir leben, offen gesagt, in einer Welt, in der Worte ganz einfach lügen können und in der wir die Wahrheit nicht mehr oft in Worten finden. Und wenn Sie sich „Shape of Water“ genau anschauen, sehen Sie, dass alle Figuren, die sprechen, trotzdem nicht kommunizieren können. Die beiden Charaktere hingegen, die nicht sprechen, kommunizieren tief gehend. Ich denke, es war sehr wichtig für mich zu zeigen, dass das Verstehen zwischen diesen beiden auch ohne Worte funktioniert. Es gibt außerdem viele Symbole, der Film ist voller Reime, wie ein Gedicht. Aber wenn ich Ihnen die verrate, wird es langweilig. Sie sollten sie selbst finden.
Das Gespräch führte Antje Weser.