Elke Heidenreich findet es bescheuert, wenn Zeitungen einen Bericht über jemanden bringen, nur weil der einen runden Geburtstag hat. Als sie 70 wurde, hat sie mit dieser Begründung ein Interview abgelehnt. Heute wird sie 75. Will sie nicht vielleicht doch etwas sagen? Also, natürlich nicht über ihren Geburtstag, nein, nein, aber vielleicht über ein neues Buch-, Musik- oder Fernsehprojekt? Oder etwa die deutsche Literaturszene? „Herzlich und dennoch: nein.“
Natürlich, sie fällt nicht darauf rein. Dabei ist es nun auch wieder nicht so, als würde sie nie über das Älterwerden reden. Im Gegenteil. In ihrem Buch „Alles kein Zufall“ erzählt sie von ihrer besten Freundin, die wesentlich jünger ist als sie. Früher hat sie der öfters gesagt: „Werd’ du erst mal 50!“ Der Satz fiel zum Beispiel, wenn die Freundin sie zum Sport animieren wollte. Als sie 60 wurde, sagte sie: „Werd’ du mal 60!“ und dann: „Wenn du mal 70 bist, wirst du an mich denken.“ Doch da bekam die Freundin einen Wutanfall. Sie sei die Sprüche einfach leid, machte sie ihr klar. Konsequenz: „Jetzt sage ich nichts mehr in der Richtung, werde vergnügt 80 und sehe ihr beim 60-Werden zu.“
So erfährt man ziemlich viel über Elke Heidenreich aus ihren Büchern. Auch sehr Persönliches. Sie ist zum Beispiel ihr ganzes Leben eine große Aufbewahrerin gewesen, aber mittlerweile mistet sie aus: „Ich will denen, die ich liebe, ein derart gründlich verwahrtes Leben nicht zumuten.“ Heidenreich ist ein Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet. Ihre Eltern lebten getrennt. Die Mutter musste Geld verdienen. Sie nähte Samtvorhänge für die Kinos und Theater. Der Vater war Automechaniker und reparierte die ersten Luxuswagen des Wirtschaftswunders. Dabei war ihr Zuhause deprimierend: „Fünf Personen, die sich hassten, in zwei Zimmern mit Küche, kein Bad, Klo eine Treppe tiefer.“ Ihre großen Tröster waren Bücher. Ihre Lehrerin gab die Parole aus: „Alles häkelt, Elke liest!“ Mit 15 Jahren kam sie als Pflegekind zu einer evangelischen Pfarrersfamilie nach Bonn und konnte Abitur machen. Danach studierte sie Germanistik, Theatergeschichte, Religionswissenschaften und arbeitete als Journalistin. Der Durchbruch kam in den Achtzigerjahre mit der Moderation der Talkshow „Kölner Treff“, vor allem aber mit der Kabarettfigur Else Stratmann. Es folgten nicht nur Erzähltexte, sondern auch erfolgreiche Literatursendungen. Christoph Driessen