Verweile doch

von Redaktion

Das Deutsche Theatermuseum München inszeniert die Ausstellung „Faust-Welten – Goethes Drama auf der Bühne“

Von Simone Dattenberger Fotos: Oliver Bodmer

München ist im „Faust“-Fieber. Das Deutsche Theatermuseum auch. Infiziert von Roger Diederen, Chef der Kunsthalle, und dessen Schau über „Faust“ in der bildenden Kunst, zeigt man in den Räumlichkeiten an den Hofgartenarkaden die Ausstellung „Faust-Welten – Goethes Drama auf der Bühne“. Beide Teile des Stücks von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) wollen Welttheater sein. Und so müssen sich Regisseure und Bühnenbildner nicht nur mit Stuben und Gassen befassen, sondern sich auch mit Kathedralen, Walpurgisnacht-Landschaften in deutscher und griechischer Version, mit Kerkern und Palästen herumschlagen. Der Dichterfürst hat seiner Fantasie genauso freien Lauf gelassen wie als Dichterlehrling. Und die Theatermacher kämpfen bis heute damit. Dass es daneben, gerade in „Faust II“, zahllose Rollen gibt, ist dann auch schon egal bei all dieser Überforderung.

Genau die haben die Kuratorinnen und das Gestaltungsteam aufgegriffen, um die Besucher zu empfangen: mit einer die Sinne verwirrenden Installation. Man geht in einen schwarzen Schacht, über dessen Wände in Rot unaufhörlich die Verse der Tragödie dahinlaufen und einem den Boden unter den Füßen wegziehen wollen. Halt geben nur die Informationen. Auf Leucht-Stellwände projiziert sieht man zum Beispiel die Strichfassungen all der Inszenierungen von Max Reinhardt bis Peter Stein, aber auch das Soufflierbuch der Uraufführung am 19. Januar 1829 am Braunschweiger Hoftheater. Erst zu Goethes Geburtstag am 28. August konnte man das Werk in Weimar sehen. Groß erscheinen außerdem im Schacht die Hauptfiguren Faust, Margarete und Mephistopheles. Im Reigen der Fotos tanzen die Stile in Kostüm und Maske, in Personentypisierung durch die Regie sowie in der Charakterprägung durch den Schauspieler an uns vorbei.

Museumschefin Claudia Blank und ihre Mitkuratorin Katharina Keim haben da in den Szenografen, dem Wiener Gerhard Veigel sowie den Münchnern Manuel Trüdinger und Maximilian Berz vom Studio Abc & D, hervorragende Mitstreiter gefunden. Sie arbeiten didaktisch, ohne dass man’s mitkriegt, setzen auf Eleganz in der Ausleuchtung – besonders schön bei den Bühnenbildmodellen – und bleiben dezent, wenn es angebracht ist. Auf diese Weise kann sich der Besucher auf die Figurinen zum Beispiel des Jugendstils konzentrieren, die Fritz Erler schuf. Und wie von selbst erkennt man die Entwicklung, wenn daneben die expressiven Entwürfe von Liselotte Erler für „Faust II“ hängen (München: Künstler-Theater, 1908, und Kammerspiele, 1949). Ähnlich en passant lernen wir, dass Regisseure auch Rollen mehrfach besetzen. So stand 1993 Faust Josef Bierbichler in der Hamburger Marthaler-Inszenierung vier Gretchen gegenüber.

Die Bühnenbild-Blätter und -Modelle erweisen sich im ersten Geschoss dann als Kostbarkeiten. Man kann sie in ihrem Puppenstubenformat durchaus auch nostalgisch genießen. Nicht nur weil die Jugendstil-Ausstattung des Münchener Künstler-Theaters in ihrer vom japanischen Holzschnitt geprägten Flächigkeit rekonstruiert wurde oder weil Aleksander Denićs Modell für Frank Castorfs Ideen (Berlin 2017) wie ein Baukastenspiel aussieht. Sondern weil man sich selbst an diverse „Fäuste“ erinnert, etwa an Dieter Dorns fulminante Analyse in der kongenialen Formung von Jürgen Rose.

Bis 2. September,

Di.-So. 10-16 Uhr, Galeriestraße 4a; Katalog, Henschel Verlag: 34,95 Euro. „Faust“-Filme – auch Dorns Version – werden je um 11 Uhr gezeigt; zunächst das Werk mit Gustaf Gründgens (1960).

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