Sie hatten etwas Drolliges, die Beschwerden übers Plakat zu „Das ferne Land“ im Vorfeld der Premiere am Münchner Volkstheater. Zwei Männerkörper sind auf dem Bild zu sehen, das aus der 2005 entstandenen Serie „Frat Boys“ des US-Fotografen Brian Finke stammt. Eng beieinander stehen die Burschen, die nichts tragen außer Unterhosen. Und diese sind allem Anschein nach an entscheidender Stelle gut gefüllt. Schneller, als man sich nackig machen kann, stand der Pornografie-Vorwurf im Raum, und Facebook, die Krake, hatte natürlich auch Probleme mit dem Motiv. Ach ja.
Die Reflexe funktionieren also noch – und führen mitten hinein ins Werk des französischen Autors Jean-Luc Lagarce (1957-1995). In „Das ferne Land“ erzählt der Dramatiker von Louis, der nach langer Zeit zurückkommt in sein Elternhaus in der Provinz. Wie der Autor, dessen Arbeiten bei uns nur Eingeweihte kennen, der in seiner Heimat jedoch nach Shakespeare und Molière zu den meistgespielten gehört, ist auch Louis homosexuell und wird an Aids sterben. Lagarce vollendete den Text zwei Wochen, bevor ihn die Krankheit mit 38 Jahren dahinraffte; er schildert die „Reise eines jungen Mannes zur Stunde seines Todes, der das, was sein Leben gewesen ist, betrachtet“, wie es an einer Stelle heißt.
Nun ermöglicht das Volkstheater eine Begegnung mit „Das ferne Land“. Nicolas Charaux hat inszeniert; am Donnerstag war Premiere seines zwei Stunden und 40 Minuten langen Abends (eine Pause). Der französische Regisseur, der an der Brienner Straße zuletzt mit seinem expressionistischen Zugriff auf Kafkas „Schloss“ als eine konzentriert schleichende Zombie-Apokalypse überzeugte, gelingt eine poetische Umsetzung des Textes, der man gebannt folgt.
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes zur Familie, um die es vordergründig geht, findet in einem weiten, leeren Raum statt, dessen wahre Bestimmung Ausstatterin Pia Greven geschickt in der Schwebe hält: Plastikfolien, mit denen die Bühne ausgeschlagen ist, die das Klavier und den Plattenspieler abdecken, können ebenso Gewesenes konservieren wie Neues schützen. Vergangenes und Vorläufiges stehen gleichberechtigt nebeneinander.
Die Figuren ziehen sich immer wieder in ein Kabuff am linken Bühnenrand zurück. Was sie sich hier – wie in einem Beichtstuhl – von der Seele reden, wird auf den hinteren Bühnenprospekt projiziert. Wer genau hinschaut, erkennt darauf die Umrisse eines Hauses, das für Louis kein Heim (mehr) ist. Vor der Leinwand versammeln sich Angehörige und Freunde auf Klappstühlen: Ist das noch ein Videoabend im Kreise der Lieben oder schon jener Film, der angeblich im Angesicht des Todes abläuft? Louis jedenfalls ist hierher zurückgekehrt, um „alles in Ordnung zu bringen“ – doch daran wird er am Ende scheitern. Bis zur Abreise findet er nicht die Worte, um zu sagen, dass er bald sterben wird.
Lagarces Text kreist um die Bedeutung von Familie – und um die Frage, ob der Freundeskreis nicht wichtiger ist als Blutsverwandte. Es geht um verpasste Lebenschancen, um die Angst vorm Sterben und den Wert der Liebe. Es geht um die ganz großen Themen also, die in „Das ferne Land“ das Gewand des Alltäglichen tragen. Zur Klärung fokussiert der Autor immer wieder auf einzelne Figuren. Da ist die Schwester, die wortreich nichts zu sagen hat und die leidet, weil sie wohl nie die Provinz hinter sich lassen wird: „Wenn ich nie hier weggehe, werde ich nie ein echter Mensch sein, sondern bloß Kind. Davor habe ich Angst.“ Da ist die Mutter, die sich unbedingt ein heiles Familienleben wünscht – so harmonisch arrangiert wie die floralen Muster auf ihren Kleidern. Doch sie leidet darunter, dass der Sohn ihr keine Enkel schenken wird und rächt sich, indem sie dessen Freund beim Gruppenfoto aus dem Bild drängt. Auch Toten erteilt Lagarce gleichberechtigt das Wort. Louis’ Vater etwa, der daran verzweifelt, dass er nach jahrzehntelangem Schuften genau dann gestorben ist, „als ich mein Leben hätte genießen können“.
„Das ferne Land“ rührt an Elementares. Dabei kommen sowohl der Text als auch die Inszenierung mit einer leisen, unaufgeregten Dringlichkeit daher, die nur manchmal unter Geschwätzigkeit verschüttet wird. Doch die gehört wohl zu jedem Familientreffen.
Nicolas Charaux und seine elf Schauspieler entfalten diesen kleinen Totentanz behutsam, mit großem Gespür für die Beziehungen der Figuren zueinander. In ihren Erzählungen, durch ihre Beobachtungen und Erinnerungen setzt sich das Leben des Sterbenden zusammen wie ein Mosaik – und ihr jeweils eigenes. Langer, herzlicher Applaus für eine beeindruckende Ensembleleistung.
Nächste Vorstellungen
am 7., 9., 14. und 18. März; Telefon 089/ 523 46 55.