So wäre die Wohnungsnot gleich gelöst: Man stellt ein paar Holzwände auf und zeichnet darauf Waschbecken, Möbel, Radio und Schreibtischlampe. Nur ein paar Schubladen sind echt und ein Handtuchhalter. In den einen finden sich Haus- und Siedlungsmodelle, am anderen hängen Informationsblätter. Natürlich meinen das Architekturmuseum der TU München und das Gestalterteam von StiftungFreizeit ihren „Lösungsvorschlag“ nicht ernst. Für die Wanderausstellung „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918 bis 2018“ sollte halt eine unterhaltsame und praktische Inszenierung entwickelt werden. Die Aufführung, der die charmanten Kulissen dienen, hat jetzt in der Pinakothek der Moderne Premiere; es gibt zusätzlich Filme von BR-Dokumentationen bis zu Polt-Sketchen sowie ein Besucher-Spiel. Die Schau entstand auf Initiative des Staatsministeriums des Inneren, für Bau und Verkehr im Rahmen des Jubiläumsjahrs „Wir feiern Bayern“ und wandert von München aus durch Bayern.
Hilde Strobl vom Architekturmuseum der TU hat als Kuratorin ein Jahr lang Dokumente ausgegraben. Dazu gehörten eben nicht nur Pläne und Fotos, sondern auch zum Beispiel der Paragraf 155 der Weimarer Reichsverfassung, die für „jeden Deutschen eine gesunde Wohnung“ einfordert, oder seit 2015 der Wohnungspakt Bayern der Staatsregierung. Strobl schildert eine Geschichte von 100 Jahren anhand eines Themas, das jeden existenziell trifft und betrifft, das daher gesellschaftlich und politisch hochbrisant ist. Heute mehr denn je. Deswegen zeigt die Kuratorin nicht nur Beispiele zwischen der Siedlung Walchenseeplatz in München-Giesing, die 1928 Regierungsbaumeisterin Hanna Löv entwarf, und der Wohnanlage am Dantebad von Florian Nagler (2017), zwischen der Nürnberger Gartenstadt Buchen- bühl (Jakob Schmeissner, 1919) und Jules et Jim in Neu-Ulm, (Kleine Metz Gesellschaft von Architekten mbH, 2014). Strobl charakterisiert vielmehr kurz und doch erstaunlich punktgenau die historischen Phasen 1918 bis 1933, 1933 bis 1945, 1945 bis 1956, 1956 bis 1973, 1973 bis 1989, 1989 bis 2000 und 2000 bis 2018.
Ob das Leben nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg für die Menschen zusammengebrochen war, ob der Wohlstand Automassenverkehr oder die Ölkrise Arbeitslosigkeit produzierte, ob das Bewusstsein für wertvollen Häuserbestand und Ökologie kritische Fragen hervorrief, immer wieder mussten in den 100 Jahren Antworten gefunden werden. Diese fächert die Exposition ebenfalls auf. Und wiederum dreht es sich nicht allein um Formen wie Siedlungen, Trabantenstädte oder Kleinhäuser. Der Besucher erfährt außerdem viel über die Ideen zur kostengünstigen Realisation. Da gibt es die Standardeinrichtung und den Verzicht auf individuelle Bäder in der Frühzeit des sozialen Bauens, da gibt es die Kleinwohnung (50 Quadratmeter für vier Personen) oder die Typisierung, es gibt die Versuche mit billigerem Material als dem Ziegel, von Betonmischungen bis zum Holz. Schon 1928 wurden die Varianten in der Münchner Postversuchssiedlung von Robert Vorhoelzer systematisch getestet.
Überhaupt ist bei dem Streifzug durch 100 Jahre Wohnungsbau auffallend, dass die Strategien von einst heute noch gut funktionieren: das energische Engagement der öffentlichen Hand, etwa durch eigene Bautätigkeit oder durch Förderungen wie im Wohnungsnotstandsprogramm 1958, sowie das gemeinnützige Planen und Finanzieren der Bauvereine und -genossenschaften (später von den Nazis gleichgeschaltet). Die Wellenberge der Wohnungsnot beweisen immer wieder, dass der freie Markt in diesem Bereich nicht überzeugen kann. Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums, konstatiert denn auch für 2018, „dass der freie Markt nicht fähig ist, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“. Die Wanderausstellung wird das Faktum nun durch den Freistaat tragen und müsste die Politiker eigentlich davon überzeugen – denn es geht um eine Lebensnotwendigkeit.
Bis 21. Mai,
Di.-So. 10-18 Uhr;
Barer Straße 40.
Führungen und Kurse: Anmeldung unter Telefon 089/ 23 80 51 98.