Manege frei

von Redaktion

Das Streetart-Duo Herakut hat fürs Münchner Muca-Museum die „Faust“-Schau „Wahn/Sinn“ gestaltet

von michael Schleicher

Diese Augen. Egal, ob von Gretchen oder Mephisto, von Pudel oder Kind, vom Erdgeist oder von den Dämonen der Walpurgisnacht – all diese Augen scheinen zu leben und von den Wänden herabzublicken. In den Pupillen reflektiert das Licht, doch auch das stammt aus der Spraydose. Tatsächlich gibt es international in der Graffiti-Szene derzeit niemanden, dem Augen so gelingen wie dem deutschen Duo Herakut.

Mit diesem Namen signieren Hera (Jasmin Siddiqui) und Akut (Falk Lehmann) ihre Arbeiten, die sie seit 2004 gemeinsam in aller Welt realisieren; am Candidplatz gibt es etwa das berührende Porträt einer Flüchtlingsfamilie. Jetzt sind Herakut zurück in der Stadt und haben fürs Muca, Münchens Museum für Streetart, „Wahn/Sinn“ gestaltet. Die Schau wird im Rahmen des „Faust“-Festivals gezeigt, das derzeit an vielen Orten pulsiert.

Wer um die Bedeutung der Augen in Herakuts Schaffen weiß, versteht den Zugriff des Duos auf Goethes Drama. Ausgehend vom perfekten Rund der Iris ist der Kreis das stets wiederkehrende Motiv der Ausstellung, die selbst als 360º-Rundgang konzipiert ist. Dieser beginnt in Fausts Studierzimmer und führt dann rasch hinein in die Manege, durch die Mephisto die Menschlein zieht: Des Pudels Kern offenbart sich bei Herakut als Zirkusdirektor.

Das Duo hat Szenen des Stücks mit seinen Spraydosen auf die Museumswände gebracht; aus Schlieren und verwaschenen Flächen schälen sich die Figuren plastisch und hyperrealistisch heraus. Wie immer bei Herakut ist die Schrift wichtiger Teil der Bilder; in „Wahn/Sinn“ zitieren die beiden mal mehr, mal weniger frei aus „Faust I“. Ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung mit dem Stoff haben Herakut die Frauen gestellt, vor allem Gretchen. Das Duo dekliniert diverse Interpretationsmöglichkeiten der Figur und landet schließlich – ganz gegenwärtig – bei einer starken, selbstbewussten Mutter und Beschützerin, deren Seele bis ins zweite Stockwerk unters Dach des Museums aufsteigen darf.

Hier oben wird der Besucher im Herakut-Spiegelkabinett sprichwörtlich auf sich selbst zurückgeworfen, bevor er sich in einem klaustrophobisch schmalen Gang den eigenen (Ur-)Ängsten stellen kann. Gestaltet ist dieser mit Hand- und Fingerabdrücken. Wer will, kann den eigenen hinterlassen – und mit dieser unverwechselbaren, fälschungssicheren Unterschrift welchen Vertrag auch immer besiegeln.

Bis 1. Juni,

täglich (außer Di.) 10-20 Uhr,

Hotterstraße 12; Telefon 089/ 21 55 243 10.

Artikel 6 von 6