Ist es – sprichwörtlich – in den Wald gekommen, das Team des Hauses der Bayerischen Geschichte mit seiner Idee vom Mythos Bayern? Bei Mythen jeglicher Art kann man sich ja schon ganz gemein im Gestrüpp verfangen; und wenn man bei den Begriffen „Wald, Gebirg und Königstraum“ die mythische Entladung sucht, hat man schnell mal konvulsivische Zuckungen. Trotzdem haben sich Richard Loibl, Direktor und Inspirator, sowie Projektleiterin Margot Hamm, unerschrocken in den dunklen Tann gewagt, um ihn gedanklich ein bisserl zu lichten: vom Urwald zur Kulturlandschaft sozusagen.
Die Bayerische Landesausstellung 2018 „Wald, Gebirg und Königstraum – Mythos Bayern“ im Kloster Ettal sei der zweite Teil einer Trilogie, wie Loibl erklärt, die das Jubiläum 100 Jahre Freistaat Bayern umrahmt. Im vergangenen Jahr sei in Coburg Bayern und die Reformation erforscht worden, und 2019 eröffne man in Regensburg den Neubau des eigenen Museums mit der Überlegung, „wie Bayern Freistaat wurde“. Heuer geht es aber um den besonderen Assoziationsreigen, der bei der Nennung „Bayern“ zu tanzen beginnt, insbesondere bei Nicht-Einheimischen. Die blenden nämlich schnell Franken, Schwaben, Niederbayern und die Oberpfalz aus. Für sie ist Bayern gleich Oberbayern, und da eigentlich auch nur: Berge, Seen, Natur, zünftige Einheimische – und König Ludwig II. Darum ist die Gegend um Ettal mit der Nähe zu Schloss Linderhof und inmitten herrlicher Landschaft ein idealer Standort für die Schau.
Die dortigen Benediktiner haben genauso wie der Landkreis Garmisch-Partenkirchen und die Forstverwaltung samt Staatsforsten das Konzept der Exposition als Mitveranstalter unterstützt und erden es in gewisser Weise. Wald und Holz werden zum Beispiel in der Wahrnehmung definitiv zu einem Lebensmittel der umfassenden Art. Genauso schnell ist klar, dass dieser Stoff noch die gleiche Gültigkeit wie einst hat. Am sinnfälligsten ist das bei dem Pavillon im Klostergarten. Ein abgeschrägter Rundbau aus schlichten Brettern enthält die fantastischen Welten Ludwigs II. In einer Multimediashow tauchen Entwurfszeichnungen der Königsschlösser auf, schmiegen sich in die Landschaft, werden (Modell-)Realität oder verschwinden.
Ludwig verband sinnliche Materialität, moderne Technik und Traumtänzerei – das versucht der Pavillon erlebbar zu machen. Diese seltsame Mischung hat es bis heute auch den Oberbayern/ Oberlandlern angetan. Deswegen sind sie begnadete Selbstdarsteller und erzählen/ inszenieren den Mythos Bayern geschickt und konsequent. Allerdings haben sie dabei sehr viel mehr Bodenhaftung als der „Kini“. Dieser Melange möchte die Landesausstellung Rechnung tragen. Deswegen werden Stationen wie Wald, Landschaftsmalerei, Wittelsbacher und Tourismus ebenfalls inszeniert (Gestaltungsbüro Thöner von Wolffersdorff).
Also haben in einem Prolog (Theater!) Almwiese, Bergwände, Wälder und Ludwigs Berghaus auf dem Schachen einen schummrig-schönen Auftritt – Natur als Erlebnis. Die Wissenschaftler vom Haus der Bayerischen Geschichte lassen indes schon hier nicht die Sehnsüchte ins Irreale entgleiten. Der schlicht gebaute, massive Transportwagen vor der Szene signalisiert handfest: All das konnte nur unter großer Mühe realisiert werden. Die Mühsal ist es auch, die sich durch den größten Teil der Schau zieht. Natürlich hat sich der Adel in Wald und Flur amüsiert. Gemälde, das Geweih eines Zwanzigenders (aus den Isarauen bei München!) oder Jagdlappen – sie hinderten das Wild an der Flucht – erzählen davon. Ein Großfoto von gstandnen Holzarbeitern mit wuchtigen Schnauzern, originale Gerätschaften, Transportschlitten, Votivtafeln und Altärchen erzählen hingegen von der Schufterei im Wald – und der Lebensgefahr.
Holz war Energiespender, Baumaterial – ob für den Dachstuhl der Münchner Frauenkirche, ob für den 3000 Jahre alten, fast 16 Meter langen Einbaum aus dem Starnberger See –, Basis für Spielzeug und Kunstwerk oder für Musikinstrumente. Übrigens war das Holz aus dem Münchner Domdach, das durch die Bomben im Zweiten Weltkrieg niedergebrochen war, teilweise noch so gut, dass es zu Violinen, den Domgeigen, verarbeitet werden konnte. Glasobjekte vom märchenhaften Lüster über Butzenscheiben bis zu Maggi-Fläschchen belegen, dass es ohne Wald keine Industrie gegeben hätte. Von ihm war ebenso die Salzgewinnung abhängig wie der Handel mit Volkskunst. Ein Päckchen mit kleinen Gekreuzigten-Figuren zeigt, dass es hier um harten Handel ging – Heimarbeit der Armen.
Der Wald war Lebensgrundlage, daher gab es heftige Auseinandersetzungen um angestammte Waldrechte, die blutig enden konnten. Da ist es kein Wunder, dass die Einheimischen ihren Vorteil daraus zogen, dass im 19. Jahrhundert nicht nur Künstler, sondern auch Bürger aus Nah und Fern das Landschaftserlebnis aus Berg und Wald zu bevorzugen begannen. Unterstützt wurde das vom Königshaus. Max II. und Max in Bayern, der „Zittermaxl“, sind die beiden Wittelsbacher, die sich die Historiker für die Ettaler Schau aus der Dynastie herausgepickt haben. Der König reiste leutselig durchs Land, forcierte das Tragen der Trachten, und der Herzog die Volksmusik. Und die zuagroaste Königin Marie war so narrisch aufs Kraxln, dass sie ein Bergsteigerinnenkostüm (kurzer Rock, Hose drunter) erfand.
Wir Nachgeborenen wissen, dass sich ab da der Tourismus mit all seinen Folgen entwickelte. Die Oberlandler beförderten ihn mit ihren dramatischen Talenten. Und mit diesen erreichen sie jeden. Oberammergau lockt mit und ohne Passionsspiele in Übersee, und das Berchtesgadener Bauerntheater fuhr in den Fünfzigern zweimal nach Namibia, wie ein Film von damals in den authentischen Kulissen dokumentiert. Lebenslust und -tüchtigkeit, Kitsch, Klischee und Kommerz sind längst zu einem Mythos verwoben. Mythen, sind sie einmal in der Welt, sterben nie.
3. Mai bis 4. November
täglich 9-18 Uhr; Eintritt: 12, ermäßigt 10 Euro; Katalog: 24 Euro; Informationen und Begleitprogramm: www.landesausstellung-ettal.de.