Es ist das Bild des Iron-Maiden-Konzerts auf dem Königsplatz, mit dem alles gesagt und ausgedrückt ist: Etwa 50 Meter vor der Bühne spielt ein etwa 60-jähriger Mann im Rollstuhl Luftgitarre, um ihn herum hüpfen, schreien, jubeln und headbangen (für alle Nicht-Metalfans: den Kopf wild auf und ab schütteln) Frauen und Männer jeglichen Alters und jeglicher Haarpracht. Immer wieder schieben sie den Mann in ihre Mitte, drehen sein Gefährt – dann Gitarrensolo auf der hohen Bühne und zeitgleich als Luft-Kopie drunten im Rollstuhl, rund 20 Menschen bilden vor dem sitzenden Mann einen Halbkreis, knien vor ihm nieder und feuern ihn an. Mehr Ekstase, mehr Glück geht nicht. Wir sind eins, wir sind Iron Maiden, wir sind Metalheads!
Iron Maiden bei Rockavaria auf dem Königsplatz: Das passt wie die berühmte Faust aufs Auge. Jeder der 16 Songs ein Hammer-Schlag auf Herz, Hose und Nieren, Frontmann Bruce Dickinson rennt wie ein Derwisch die Bühne auf und ab, springt in die Luft wie weiland David Lee Roth von Van Halen bei „Jump“. Kaum zu glauben, dass der Kerl im August 60 Jahre alt wird.
Bruce Dickinson, Dave Murray, Adrian Smith, Janick Gers (alle Gitarre), das einzige von 1975 verbliebene Gründungsmitglied Steve Harris am Bass (Dickinson kam erst 1981 zur Band) sowie Nicko McBrain am Schlagzeug – das Sextett darf man – wenn überhaupt –, nur aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und dem zum Teil arg verwitterten Aussehen als Rentner-Band bezeichnen. Auf der Bühne machen sie Druck, der das Publikum umbläst.
„Legacy of the Beast“ lautet der Titel der aktuellen Tour, bei der Iron Maiden einige Klassiker aus den Achtzigern erstmals seit vielen Jahren wieder live spielen. Und wie! Bei „Sign of the Cross“ und „Flight of Icarus“ ist die Bühne in rotes Licht getaucht, Kronleuchter hängen von der Decke – all das gleicht einer riesigen Kathedrale, in der Bruce Dickinson und die Seinen ihre Messe vom „Vermächtnis des Biestes“ („Legacy of the Beast“) zelebrieren: eine Heavy-Metal-Freiluft-Oper mit aufwändigen, großen und mehrmals wechselnden Bühnenbildern sowie mit einem Dickinson, der sich gefühlt so oft umzieht wie Helene Fischer. Und der von der ersten bis zur letzten der insgesamt gut 6000 Sekunden der Show wie eh und je körperlich und stimmlich alles gibt – und das ist sehr, sehr viel.
Schon der Opener „Aces High“, bei der eine riesige Propeller-Maschine über die Bühne fliegt, versetzt die Fans auf dem Königsplatz in Ekstase. Ab Lied Nummer fünf, „The Trooper“, gibt es kein Halten mehr – egal, ob im Rollstuhl oder auf den eigenen zwei Beinen. „Scream for me, München!“, fordert Dickinson seine Jünger immer wieder auf. Die lassen sich nicht zweimal bitten: „Yeaaaaaah!!!!“ bedeutet hier „Amen!“
Die „Legacy of the Beast“-Show ist wie gemacht für den Münchner Königsplatz. Eine bis ins letzte Detail inszenierte Heavy-Metal-Oper mit unglaublicher Wucht. Als der gesamte Platz „Fear of the Dark“ singt, dürften selbst die Statuen in der Glyptothek Gänsehaut bekommen haben – und hätten wohl am liebsten mitgefeiert mit dem Mann im Rollstuhl und allen anderen.