Mit dem Abba-Gen

von Redaktion

Arch Enemy aus Schweden bescheren dem Festival einen ersten musikalischen Glanzpunkt

von marco schmidt

Im Zenit ihres Könnens präsentierten sich die Melodic-Death-Metal-Heroen Arch Enemy mit ihrem phänomenalen Auftritt am frühen Samstagabend. Einmal mehr wurde die Ausnahmestellung von Mastermind Michael Amott in der Szene deutlich: Der alte Schwede ist nicht nur ein sagenhafter Musiker, der im Zusammenspiel mit dem Virtuosen Jeff Loomis atemberaubende zweistimmige Gitarrenläufe auf die Bühne zaubert, sondern auch ein begnadeter Songschreiber, der offenbar das Abba-Gen besitzt – seit Jahrzehnten beweist er ein sicheres Händchen für Ohrwürmer und scheint dabei aus einem riesigen Melodie-Reservoir in seinem Hirn zu schöpfen. Und so schleudern Arch Enemy dem Publikum auf dem Königsplatz zwar eine Monsterladung halsbrecherischer Riffs und knüppelharter Doublebass-Attacken in die Fresse, betören es aber zwischendurch auch immer wieder mit traumhaften melodiösen Passagen.

Größter Live-Trumpf ist indes die fabelhafte Frontfrau Alissa White-Gluz, ein zierliches Power-Paket, ein Bühnentier, das in hautengem Leder-Outfit geschmeidig übers Podium tigert, nein, eher panthert. Dabei schüttelt sie immer wieder ihre prächtige blaue Mähne, während sie fleißig ihre Nackenmuskulatur trainiert, und wirbelt ihr Mikrofon in der rechten Hand herum wie ein Westernheld seinen Colt. Ihre Waffe ist ihr kraftvoller Kehlgesang, der eine verblüffende Ausdrucksbreite zeigt: Die headbangende Lady knurrt, faucht, grunzt, schreit, schnaubt, kreischt, rotzt und röhrt sich die Seele aus dem Leib, als hätte sie schon als Mädchen auf dem Spielplatz lieber mit Sand gegurgelt, anstatt damit zu spielen. Von ihr lässt man sich gern anbrüllen – die charismatische Kanadierin ist die ungekrönte Königin des ersten Rockavaria-Tages.

Im rabiaten Kracher „The Race“ steigert sich die Band in einen wahren Geschwindigkeitsrausch, der nicht nur die Gehörgänge der Zuschauer durchpustet, sondern auch den Regen vertreibt: Von nun an bis zur 2003er-Hymne „We will rise“ scheint die Abendsonne und bringt das schwedische Quintett, das dem Festival ein musikalisches Glanzlicht beschert hat, auch optisch zum Strahlen.

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