Ein Info-Stand wäre möglich gewesen, außerhalb des Herrschaftsbezirks, wohin der Arm des Prinzipals und der des Präsidenten nicht mehr reicht. Oder ein Plakat, vielleicht ein Handzettel-Verteiler. Doch kein Protest, nirgends. Als ob nichts gewesen wäre, keine Vorwürfe in Sachen Mobbing, sexuelle Übergriffe und Lohndumping, so geht heuer die Sommerpremiere im flunderflachen Festivalhaus über die Bühne. Hier gilt’s der Kunst, der Leitspruch, den sich damals Neu-Bayreuth fast krampfhaft gab, er wird anno 2018 auch bei den Tiroler Festspielen befolgt.
Am Ende, nach knapp drei Aufführungsstunden, ist man sogar beeindruckt. Musikalisch war das eine Ansage – und dies bei einem Belcanto-Randgewächs. Gioachino Rossinis „Ermione“ provoziert bei den meisten Schulterzucken. Einer hat das Stück schon wachgeküsst: Gustav Kuhn, Erls künstlerischer Leiter, dirigierte das Antikendrama 1987 im italienischen Pesaro, 168 Jahre nach der Uraufführung und mit Stars wie Montserrat Caballé. Die aktuelle Besetzung listet keine Promis, darf sich aber erhobenen Hauptes dem Vergleich stellen.
Die Handlung von „Ermione“ macht’s den Ausführenden nicht leicht. Andromaca, Trojanerin und Witwe Hektors, wird von Pirro gefangen gehalten. Der ist eigentlich mit Ermione verlobt, findet aber Gefallen am Neuzugang. Einige Eifersuchtsszenen, Tableaus und in ihrer klassischen Struktur aufgebrochene Nummern später (schon in der Ouvertüre gibt es Chor-Einwürfe) ist Pirro tot, gemordet von Orest, der seinerseits nach der Titelheldin schielt. Für Letztere geht das alles über ihre Kräfte, auch sie sucht ihr Heil im Jenseits.
Das alles kann man erhellen, plastisch machen – oder so wie das Regiekollektiv Furore di Montegral um Gustav Kuhn höchstselbst. Hart am kostümierten Konzert, bleibt das meiste im Flachrelief. Betrauert werden offenbar die toten Kriegskinder. Fast jede Figur hat einen Rucksack oder eine Tasche dabei, aus der Puppen gezogen werden. Bühnenbildner Peter Hans Felzmann arbeitet mit wenigen, umso wirkungsvolleren Versatzstücken. Mit Säulen-Kapitellen, die sich schnell neu arrangieren lassen. Mit ein paar beleuchteten, an Reckstangen erinnernde Rahmen, auch mit versetz- und fahrbaren Treppen. Das Schöne ist: Man darf sich auf die hervorragenden Sänger konzentrieren. Und doch bleibt der Eindruck, da werde ein avanciertes, aufregendes Werk verschenkt.
Am meisten aufhorchen lässt Svetlana Kotina als Andromaca mit glühendem, gehaltreichem Brunello-Mezzo, zu dem Maria Radoeva (Ermione) mit scharf konturiertem Secco-Sopran kontrastiert. Iurie Ciobanu ist ein Orest aus dem Musterbuch der Rossini-Tenöre, Hui Jin wertet die Nebenrolle des Pilade erheblich auf, Ferdinand von Bothmer (Pirro) singt seine knifflige Partie sehr auf Angriff, fällt klanglich etwas aus dem Ensemble.
Am Pult des Festspiel-Orchesters gibt Kuhn den lässigen, coolen Lotsen. Nichts klingt überspitzt oder überreizt, eher nach saftigem, gut ausgesteuertem Drama. Manches ist, gerade in den Rezitativen, etwas ungenau. Doch das so samtig und warm klingende Festspielorchester hat, man bedenke Wagners „Tannhäuser“ und den „Ring“ plus Konzerte, ein Riesenpensum zu absolvieren.
Immerhin: Am Tag vor der Rossini-Premiere setzten sich die Erler beim Eröffnungskonzert zur Wehr, Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner geißelte Ehrabschneidung und Verleumdung. Für die Festrede wurde Horst Köhler dem Vergessen entrissen. Der deutsche Ex-Bundespräsident sprach vom „Zauber von Erl“ und lobte, dass „man sich etwas traut“. Was auch immer darunter zu verstehen ist.
Informationen:
weitere Aufführung am 13. Juli, die Festspiele dauern bis 29. Juli; Telefon 0043/ 5373/ 810 00 20.