Die US-amerikanische Serie „House of Cards“, ehemals mit Kevin Spacey in der Rolle eines machtgierigen Politikers, der skrupellos alles dafür gibt, Präsident zu werden, war der Impuls, der die Journalisten Rüdiger Barth und Hauke Friederichs dazu brachte, ein Buch über die letzten Tage der Weimarer Republik zu schreiben. „Das Ende von Weimar (…) ist im Grunde spannender als ,House of Cards‘. Es war genauso durchtrieben, nur hat es tatsächlich stattgefunden“, erklären die Autoren im Nachwort: „Was für ein Stoff.“
Tatsächlich schildern sie die Tage zwischen dem 17. November 1932 bis zur Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 wie einen Krimi: Die Suche des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nach einem neuen Kanzler war geprägt von Intrigen, Machtspielchen und der Tatsache, dass jede Gruppierung und politische Partei in Berlin ihr eigenes Süppchen kochen wollte. Geschickt wird aus der Geschichtsdokumentation eine lebendige Reportage, die aus zahlreichen Quellen wie Zeitzeugenberichten, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und sonstigen historischen Dokumenten schöpft. Erzählt im Präsens und durchtränkt mit viel Atmosphäre, wird das Vergangene lebendig, und Kurt von Schleicher, Joseph Goebbels oder Franz von Papen, sonst bloße Namen, bekommen ein Gesicht. Die wichtigste Erkenntnis Barths und Friederichs’ ist nicht neu, und doch kann sie – gerade, wenn man Parallelen zur Gegenwart zieht – nicht oft genug wiederholt werden: „Die Totengräber hätten nicht siegen müssen.“ Die Situation der Nationalsozialisten war in den zehn Wochen vor der Machtergreifung kritisch, und eine vereinte Gegenwehr ihrer Gegner hätte viel Leid und Elend verhindern können.
Wie viele andere Autoren vor ihnen servieren Barth und Friederichs damit eine Art „Geschichte light“: historische Fakten verpackt in einem scheinbar sehr authentischen Plot, dargestellt von menschlichen und menschelnden Protagonisten mit Gefühlen, Macken und Schwächen. Der Vorteil: Das liest sich süffig und durchaus spannend und eignet sich daher auch für Leser, die Geschichtsbücher sonst eher meiden.
Aber können der Vorabend der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und der Untergang der ersten Demokratie in diesem Land wie ein Thriller erzählt werden, ohne zu verharmlosen? Was fehlt beziehungsweise ganz bewusst ausgespart wurde, sind sachliche Kommentare, Bewertungen und Urteile. Eine „dokumentarische Montage“ sollte ihr Werk werden, betonen die Autoren, sie wollen „die Menschen selbst zu Wort kommen lassen“ und „wenn möglich, in ihre Gedanken hineinschlüpfen“. Problematisch ist hier, dass sich Zitate und Quellen oft gar nicht zuordnen oder belegen lassen. Da auf Details wie Fußnoten gänzlich verzichtet wurde, erscheinen Aussagen wie die, dass Goebbels beim Anblick hoffnungsvoller Nazis am Abend des 21. November 1932 selbst skeptisch „Arme Illusionisten!“ dachte oder dass er sich oft einsam gefühlt hat, zu spekulativ.
Eine wirklich wissenschaftlich fundierte Dokumentation ist das Buch „Die Totengräber“ daher nicht. Aber es ist, wie sein Impulsgeber, „House of Cards“, der Versuch, zum Nachdenken anzuregen: darüber, wie Macht entsteht, personifiziert und missbraucht werden kann, wenn man sich nicht früh genug und vor allem gemeinsam dagegen wehrt.
Rüdiger Barth, Hauke Friederichs:
„Die Totengräber“. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, 416 Seiten; 24 Euro.