Barbaren sind nicht eingedrungen in die Glyptothek, um dort alte Traktor- und Lkw-Reifen und Ähnliches abzuladen. Sie haben sich auch nicht über den Laokoon vor dem Museumstempel Ludwigs I. und die Venus in selbigem hergemacht, um beiden großflächige Tätowierungen zu verpassen. Florian Knauß, Chef der „Antike am Königsplatz“, hat zwar allerhand Erfahrung mit Vandalismus, diesmal ist er aber selbst schuld. Denn er hat sich einen italienischen Künstler in die hehren Hallen geholt, der mit dem ehrfurchtgebietenden Werkstoff Marmor arbeitet, mit ihm freilich ausgesprochen frech umspringt. Will jenes edle Gestein aus Carrara ausschauen wie der räudige Gummi eines Bulldog-Rads? Fabio Viale sucht genau solche Brechungen. Und Knauß reizte der Marmor, weil er in den antiken Skulpturen bis jetzt blüht und heute niemand mehr damit Kunst formen will. So wurde dem piemontesischen Künstler die Ehre zuteil, bis 30. September die alten Kollegen in der Glyptothek zu tratzen. Danach schließt das Haus, um saniert zu werden.
Viale, Jahrgang 1975, ist sich der Ehre bewusst. Er sei schon in Sorge gewesen, merkt er an, denn nun müsse er sich mit dem Können, auch mit der bildhauerischen Virtuosität, der antiken Bildhauer unmittelbar vergleichen. Er habe Angst gehabt, mithalten zu können. „Mein Ziel ist es jedoch, eine Metamorphose in Gang zu setzen.“ Solch eine Verwandlung ist am augenfälligsten, wenn man im „Saal der frühgriechischen Jünglinge“ einen dicken, schwärzlichen, verknäulten Reifenschlauch mit Falten und Flickstelle erblickt. Das muss doch Gummi sein! Da ist die Versuchung groß, ihn zu berühren. Erst recht bei der hölzernen Obstkiste. Hier wirkt Fabio Viales Trompe-l’œil-System geradezu erschreckend. Der Künstler, der für München Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren seines Schaffens ausgewählt hat, setzt indes nicht einfach auf Täuschungseffekte, sondern er spielt mit den von uns behaupteten Wertungen „hoch“ und „niedrig“. Die Kiste ist „niedrig“; Viale macht sie mit dem „hohen“ Marmor kostbar.
Umgekehrt zieht er die mythologischen Figuren wie den trojanischen Priester Laokoon und die römische Göttin der Liebe, Venus, auf die heutige Alltagsebene herab. Jetzt sind Tattoos schick, und da machen die Herrschaften halt mit. Natürlich weiß Viale um die absolut einmalige, höchstgepriesene Stellung der beiden Skulpturen-Typen in der abendländischen Kunstgeschichte. Obendrein stehen sie für unsere tiefsten Gefühle und Existenzzustände: Liebe und Lust sowie Schmerz und Tod. All die Werke kommen trotzdem mit Humor und Ironie daher und halten sich gut zwischen Satyren und Ägineten.
Bis 30. September,
Di.-So. 10-17, Do. bis 20 Uhr.