Christian Überschall gibt zu: Weil er selbst in einem Schweizer Dorf im Berner Oberland aufgewachsen ist, in dem das Thema Sex damals komplett tabuisiert wurde, redet er heute besonders gern darüber. Doch die Wahl des Titels „Von Speed Dating bis Nordic Stalking – Über Beziehungen 2 Go“ für sein neuestes Kabarettprogramm hat auch andere Gründe: „Die Struktur des Zusammenlebens hat sich im Laufe meines Lebens komplett verändert“, erklärt Überschall. „Früher musste sich ein Paar die ewige Treue schwören, ohne sich auch nur einmal in Unterwäsche gesehen zu haben, geschweige denn nackt. Heute weiß man dank Internet vor dem ersten Date über die Anatomie des anderen Bescheid.“ Dramatisch beschleunigt hätten die digitalen Medien jegliche Geschlechtsverkehrsanbahnung, fügt er hinzu. „Es sind heute nur noch ein paar Stunden zwischen Erst- und Intimkontakt.“
Diese rasante Entwicklung fasziniert und irritiert ihn gleichzeitig. „Aber sie erschreckt mich auch“, überlegt der Wahlmünchner und wird plötzlich sehr ernst. „Kinder wissen Dinge, die sie noch gar nicht betreffen, Jugendliche können kaum noch etwas selbst entdecken. Und irgendwann wird sogar das älteste Gewerbe der Welt verschwinden. Wenn ich nur eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen und ein paar Sensoren bedienen muss – was soll ich da noch in den Puff gehen?!“
Obwohl Überschall so offen über die zunehmende Sexualisierung des Alltags spricht, wählt er ganz bewusst, wie schon in zwei Programmen zuvor, den Sexualtherapeuten Dr. Sprüngli als Alter Ego auf der Bühne, um Themen wie die „Onanie als bedingungsloses sexuelles Grundeinkommen“ zu diskutieren. Bricht da doch noch die Schweizer Prüderie durch? Überschall lacht wieder. „Na ja, erst einmal hat das Ganze dadurch einen pseudowissenschaftlichen Anstrich. Vor allem aber kann ich als Sprüngli Dinge sagen, über die ich nicht unbedingt aus meiner eigenen Erfahrung berichten wollen würde. Denn was Sex angeht, möchte ich mich ungern auf der Bühne komplett selber…“, er zögert kurz und grinst, „ausziehen.“ Außerdem habe er tatsächlich früher ernsthaft in Erwägung gezogen, Therapeut zu werden, erinnert sich der heute Fünfundsiebzigjährige schmunzelnd. „Das hätte mich schon gereizt.“
Eigentlich logisch: Therapeuten und Kabarettisten müssen viel reden, Brennpunktthemen diskutieren und den Finger in die Wunden anderer legen. Stattdessen wurde Überschall aber ausgerechnet Steuerberater – und ist es bis heute geblieben. Steuerberatung und Kabarett – gibt es da auch Gemeinsamkeiten? „Als Steuerberater hat man immerhin mit Menschen zu tun und kann dabei Stoff für Texte sammeln. Vor allem aber habe ich viele Künstler als Kunden, besonders Musiker. Da entstanden im Laufe der Jahre viele Freundschaften. Ich machte den Musikern die Steuer, manchmal trat ich aber auch selbst als Musiker und Kabarettist bei Kunden auf – so wurde aus dem Ganzen tatsächlich eine Symbiose.“
Doch obwohl er als Steuerberater durchaus auch ein Faible für Fakten und Zahlen hat, kam politisches Kabarett für Überschall nie infrage. „Das können andere besser“, wehrt er ab, um gleich hinzuzufügen: „Und mit Ausnahme derer, die das wirklich gut machen wie Max Uthoff oder Hagen Rether, finde ich politisches Kabarett selbst ausgesprochen langweilig und vorhersehbar. Da werden immer nur die aktuellen Skandale abgehakt. Wenn die Merkel einmal ,netto‘ statt ,brutto‘ sagt, dann lebt die Kabarettszene ein halbes Jahr davon. Politiker grundsätzlich bescheuert zu finden, ist mir zu billig und zu fad.“ Deswegen eben redet er lieber über Beziehungen und körperliche Liebe. Und macht Musik.
Aufgewachsen mit Jazz arbeitet er seit vielen Jahren nebenher als Pianist und komponiert selbst. Um das noch mehr zu fokussieren, wird das aktuelle Programm auch sein letztes sein, das den Schwerpunkt auf Verbales legt, verrät der Künstler. „Ich möchte künftig Musik und Comedy noch mehr verbinden.“ Dabei darf die Musik selbst nicht zur Lachnummer werden. „Ich will natürlich weiterhin, dass der Zuschauer lacht. Aber dazwischen will ich ihn emotional erreichen, mit guter Musik bewegen. Das ist mein Ziel.“ Vorher aber darf Dr. Sprüngli noch einmal ran und Erkenntnisse verkünden wie jene, dass echte Liebe nur dann vorhanden ist, wenn Treue Spaß macht. Dass seine Fans ihm mit viel Spaß treu bleiben, da ist sich Sprüngli alias Überschall trotz aller Nervosität, die auch nach vielen Jahren Bühnenerfahrung vor einer Premiere herrscht, sicher: „Es ist das beste Programm, das ich je gemacht habe.“
Premiere
morgen um 20.30 Uhr im Kleinen Konzertsaal im Münchner Gasteig; Karten: www.muenchenticket.de.