Mozarts Menschenverständnis

von Redaktion

Der „Figaro“ in der Regie von Christof Loy und unter Dirigent Constantinos Carydis wurde für die Opernfestspiele wiederaufgenommen

Von Markus Thiel

Eine Premiere kommt zwar noch, Haydns „Orlando Paladino“ am 23. Juli. Aber wenn’s denn eine erste Bilanz der sich neigenden Münchner Opernspielzeit sein darf: Mozarts „Le nozze di Figaro“ in der Regie von Christof Loy und unter der musikalischen Leitung von Constantinos Carydis sticht aus der sonstigen modernistischen Kulinarik heraus. Premiere war im vergangenen Oktober, bei der Wiederaufnahme zu den Opernfestspielen wird die Detailoffensive – ob auf der Bühne oder im Graben – nun mit viel mehr Selbstverständlichkeit absolviert. Und dabei ist nicht klar, wer hier wen mehr beeinflusst. Loys liebevolle, Schwächen und Untiefen offenbarende Charakterschau geht eine Symbiose ein mit dem ebenso dreifachbödigen Zugriff von Carydis.

„Historisch informiert“, diese Schublade wäre zu klein. Carydis und das Staatsorchester, das an diesem Abend auf Augenhöhe mit den Spezialensembles der Alten Musik spielt, bieten Aufregendes, Überrumpelndes. Und das ist, anders als beim gerade so umtanzten Teodor Currentzis, in jeder Geste aus der dramatischen Situation motiviert. Das ist nie Selbstzweck, nie Ausstellen von Affekten, sondern eine immens kluge, Mozarts Menschenverständnis auf den Grund gehende Analyse.

Gleiches bei Loy, der Rezitative, Arien und Ensembles manchmal zum klingenden Schauspiel verschwimmen lässt. Und dabei, das adelt ihn seit jeher, die Eigenarten seiner Sänger einbaut, ohne diese zu denunzieren. Wenn der Graf im zweiten Akt linkisch mit drei Werkzeugkästen, die er mutmaßlich noch nie gebraucht hat, die Bühne betritt, ist das sehr authentisch: Genau das könnte auch im Hause Christian Gerhaher passieren.

Letzterer, als verdruckster Angstbeißer Almaviva eine Anti-Klischee-Aktion, leistete sich auch Unkonzentriertes. Geschenkt, entscheidend ist glaubhaftes Theater. Und dazu gehören andere Punktbesetzungen wie Federica Lombardi, deren Gräfin an große Rollenvertreterinnen anknüpft, Olga Kulchynska als Zartbitter-Susanna, Alex Esposito als quirliger Figaro-Macho, Solenn’ Lavanant-Linke als androgyner Cherubino und die wunderbare Komikerin Anne Sofie von Otter als Marcellina. Nächste Saison gibt’s eine Wiederaufnahme in teils neuer Besetzung. Sie wird es schwer haben.

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