SALZBURGER FESTSPIELE

„Ich werde gerne wachgeküsst“

von Redaktion

Stefanie Reinsperger über ihren zweiten Sommer als Buhlschaft, falsche Schönheitsideale und weibliche Jedermänner

VON SABINE DULTZ

Der Spagat hätte kaum größer sein können: Brechts Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ am Berliner Ensemble einerseits und Hofmannsthals Buhlschaft im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen andererseits. Wenn Stefanie Reinsperger auch lachend mahnt, „Grusche und Buhlschaft – diese Rollen darf man nicht in einem Satz nennen“, so markieren sie dennoch jenen Punkt, an dem sich gerade die junge Schauspielerin in ihrer beruflichen Laufbahn befindet, nämlich auf der Karriereleiter ganz weit oben.

Seit einem Jahr gehört die Österreicherin zum neuen Ensemble des alten Brecht-Theaters, wo sie sich mit ihrer Kraft, ihrer enormen Bühnenpräsenz und ihrem Können auf Anhieb die Herzen des Publikums erobert hat. Und gleichfalls vor einem Jahr stellte sie sich erstmals der Herausforderung, sich einzufädeln in die legendäre Reihe der oft so glamourösen Buhlschaft-Darstellerinnen und dabei auf ihre ganz eigene Weise zu bestehen. Auch in diesem Sommer wird Stefanie Reinsperger vor dem Salzburger Dom wieder Jedermanns lebensfrohe Gefährtin sein, um am Ende dem reichen Geliebten die Gefolgschaft in den Tod zu verweigern.

Am 22. Juli ist erneut Premiere, davor liegen noch einmal drei Wochen Proben. Mit welchen Gefühlen sie in ihre zweite Festspielsaison geht? „Ich freue mich wahnsinnig auf das Team, auf die wundervollen Kollegen. Sie waren für mich der Hauptgrund, es überhaupt noch einmal zu machen. Man kann über die Festspiele sagen, was man will, aber die Möglichkeit, dass da für zwei Monate Schauspieler zusammengewürfelt werden, um in einer Produktion zu spielen, das ist schon etwas ganz Besonderes. Auch für die Zuschauer. Nirgendwo sonst könnten sie diese starken Kaliber gemeinsam auf einer Bühne sehen.“

Es ist der künstlerische Aspekt, der Stefanie Reinsperger für die Festspiele einnimmt. Und natürlich auch immer noch die Freude darüber, dass Tobias Moretti, der seit dem vergangenen Jahr den Jedermann spielt, sie für diese Rolle favorisiert hat. „Es ist eine Art Geste: Der neue Jedermann darf sich quasi seine Buhlschaft wünschen. Mir war gar nicht klar, dass er sich so viel von mir im Theater angeschaut hatte. Ich schätze ihn sehr als Schauspieler und finde ihn einen spannenden und herausfordernden Menschen. Eine tolle Begegnung.“

Trotzdem schränkt sie so kurz vor ihrer Abreise von Berlin nach Salzburg ein: „Ich muss mir wirklich vornehmen, Freude daran zu haben. O Gott, jetzt habe ich wieder keinen Sommer! Was habe ich getan!“ Doch es sind nicht nur die verlorenen Ferien, die sie mit der ihr eigenen Komik händeringend und selbstironisch beklagt. Es ist vielmehr die Schwierigkeit, sich damit abzufinden, dass in Salzburg zur Festspielzeit in der veröffentlichten Meinung nicht unbedingt die Inhalte und die künstlerische Arbeit an erster Stelle stehen, sondern vielmehr das ganze Drumherum.

„Man hatte mich ja davor gewarnt. Ich hatte nur gehofft, dass es nicht so sein würde. Da habe ich aber einen Dämpfer bekommen. Ich habe mir für dieses Mal vorgenommen, die Stadt ein bisschen mehr zu genießen. Man kann sich’s da doch sehr schön machen.“ Vorausgesetzt, die Berichterstattung verzichtet auf diffamierende Untertöne. „Was ich da zu hören und zu lesen bekam!“, staunt die Schauspielerin noch heute. Unterschwellige Anfeindungen, die sich darauf bezogen, dass Stefanie Reinsperger nicht den Klischees schlanker, sich heruntergehungerter Bilderbuchschönheiten entspricht. Wie sie damit umgeht? „Das ist schwer, weil das ja nichts mit meiner Arbeit zu tun hat. Ich glaube, dass diese Menschen sich nicht bewusst sind, was sie da teilweise in einem anrichten oder gar zerstören. Was mich aber noch viel, viel mehr aufregt, ist die Tatsache, dass man über einen Mann nie derart schreiben oder reden würde wie über eine Frau.“

Dass sie als Darstellerin so ein anderer, so ein außergewöhnlicher, rarer Typ Schauspielerin ist, hat für Stefanie Reinsperger zwei Seiten: „Ich will ja nicht hören, ich würde so viel spielen, weil ich aussehe, wie ich aussehe. Sondern ich möchte spielen, weil ich spiele, wie ich spiele. Umgekehrt gibt es allerdings auch Kolleginnen, die vielleicht dem großen Radar von Schönheit entsprechen, aber auch nicht ständig gesagt kriegen möchten: Du bist so schön. Möglicherweise lässt sich das leichter verarbeiten als das Gegenteil. Das ist ein großer Prozess, durch den man gehen muss. Ich finde es frech und unüberlegt, was ich da erleben musste. Ich kann nur sagen, das war keine schöne Zeit.“

Doch im Ganzen gesehen, der Erfolg, die künstlerische Arbeit, das glückliche Gelingen entschädigen für so manches: „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mich seit dem Studium ununterbrochen in einem Festengagement befinden würde. Das ist schon ein großes Privileg.“ Zuhause in Baden bei Wien, aufgewachsen in Belgrad und London, studiert am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, engagiert zuerst am Düsseldorfer Schauspielhaus, dann am Burgtheater Wien, dem Wiener Volkstheater und, aktuell, am Berliner Ensemble. „Ich finde es wunderbar, gemeinsam mit allen Mitarbeitern so ein Haus zu bespielen, kontinuierlich mit den unterschiedlichsten Regisseuren, als Nächstes mit Simon Stone in einer Antiken-Trilogie, und mit so guten Schauspielern zu arbeiten. Man wird doch immer wieder wachgeküsst.“

Die Emanzipation des Schauspielers, so schwärmte Stefanie Reinsperger einmal in, wie sie heute findet, jugendlichem Leichtsinn, sei dann erreicht, wenn Frauen Männerrollen und Männer Frauenrollen spielen würden. Also eines Tages, in ferner Zukunft Stefanie Reinsperger als Jedermann? „Ich hätte total Lust darauf. Ich spiele so wahnsinnig gern, es ist eine so große Freude, die Tobsucht, die ich in mir habe, rauszulassen. Aber ich glaube, eine Frau als Jedermann wird nach den hohen Festspielstatuten noch über sehr, sehr viele Jahre nicht möglich sein.“

Premiere

am 22. Juli; alle Vorstellungen ausverkauft, Restkarten eventuell unter Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

Artikel 5 von 7