Ausstellung

Die Kunst eines Weltkindes

von Redaktion

Das Salzburger Rupertinum richtet Anna Boghiguian die erste Museumsschau im deutschsprachigen Raum aus

Entdeckungen machen, insbesondere, was Künstlerinnen angeht, ist eine Strategie, die nicht nur das Münchner Lenbachhaus verfolgt. Auch das Museum der Moderne Salzburg unter seiner Chefin Sabine Breitwieser geht seit einigen Jahren diesen Weg. Heuer hat sie sich mit Carolyn Christov-Bakargiev, Direktorin des Kunstmuseums Castello Rivoli bei Turin und Leiterin der Documenta 13 (2012), zusammengetan, um die ägyptisch-kanadische Malerin Anna Boghiguian repräsentativ in Europa vorzustellen. Das heißt, dass die Schau im Rupertinum die erste Museumsausstellung im deutschsprachigen Raum ist. In das Gebäude nahe bei den Festspielhäusern wurden also Installationen, Bildserien und Künstlerbücher hineininszeniert, die als Schlüsselwerke betrachtet werden.

Dazu gehört das weitläufige Arrangement „Die Salzhändler“. Scheinbar wie für die Stadt Salzburg gemacht, entstand dieses Geschichtsdrama 2015 für die Istanbul-Biennale. Das zeigt schon, dass Boghiguian ein Weltkind ist – und damit Recht hat. Denn der Salzhandel war frühe Globalisierung. Der einst kostbare, weil enorm begehrte Stoff konnte reich machen. Die Künstlerin kombiniert in ihrer saalfüllenden Installation farbdelikate Rohsalzbrocken und raffiniertes weißes Salz mit alten Schiffsteilen, Segeln – wiederkehrender Topos bei ihr –, Meeresrauschen, dem berühmten roten Faden und vielen Bilderständern. Da finden nicht nur verschiedene Salze und Bienenwaben in rechteckigen Bildkästen Platz, sondern auch Gemälde und Collagen, die die wirtschaftspolitische Geschichte des Salzhandels inklusive Kolonialismus auf ganz eigene Weise erzählen.

Anna Boghiguian referiert nie Historie bieder und ordentlich, obwohl sie stets verankert bleibt in harten Fakten. Sie verwandelt Geschichte in einen Erlebnisraum des Menschen. Darum wachsen ihre Gemälde. Sie wuchern in den Raum, um sich als skulpturale Objekte zu präsentieren oder als eine Art von Stabpuppen (etwa „A Play to Play“ oder der Ursprung Nîmes), als surreale Aufklapp-Bilder oder Serie, die dem Betrachter eine schwer zu entschlüsselnde Erzählung zuraunt. Denn die Künstlerin lässt ebenso ihre Gedanken, Assoziationen, Gefühle wuchern, die sie bei bestimmten Erlebnissen hatte. Daher passt zum Salz mit seiner Molekularstruktur eben das Sechseck der Bienenwabe. Obendrein sind Honig, Wachs und Salz sozusagen Urstoffe der menschlichen Zivilisation. Boghiguian malt sogar mit Wachs, nutzt die sehr alte Technik der Enkaustik.

Obwohl naturgemäß die Installationen ins Auge springen, ist die Künstlerin, die sowohl die ägyptische wie die kanadische Staatsbürgerschaft und armenische Wurzeln besitzt, eine exzellente Maler-Zeichnerin. Allein in das Farbenspiel selbst kleiner Tafeln oder Notizbuchseiten möchte man sich lange, lange vertiefen und dahintreiben lassen. Als Weltkind kann und will sie Politik und Wirtschaftsmächte nicht aus den Augen lassen. Aber dem Genuss des Sehens und Erlebens huldigt sie. So ist die Installation „The Studio“ im obersten Geschoss des Rupertinums der beste Einstieg in die Exposition. Die gemütliche Atelieratmosphäre mit ältlichen Möbeln, Fundstücken, verblassten Erinnerungsfotos, dunkel bemalten Gipsvögeln, die in vielen ihrer Inszenierungen und Bildern vorkommen, und Arbeitsmaterialien lässt den Museumsbesucher nachempfinden, wie Boghiguian vorgeht. Dazugehängt hat man in Salzburg Bilder aus den Achtziger- und Neunzigerjahren, bei denen die Malerin Motive vom Minotaurus bis zu Szenen in indischen Zügen verarbeitet. Dichter wie Rabindranath Tagore inspirieren sie poetisch – und politisch. Das Weltkind Anna Boghiguian reflektiert zum Beispiel in einer Tagore-Bildserie kritisch den Gegensatz von Tagore/ globales Denken und Gandhi/ nationales Denken.

Der Weitblick war ihr wohl in die Wiege gelegt. 1946 in Kairo geboren, besucht sie die armenische Schule und das American College of Girls. Sie darf an der dortigen American University studieren (Politik und Wirtschaft!). Boghiguian geht nach Kanada und studiert Kunst. Künstlerbücher sind ihr erstes Medium, die Nähe zu Schriftstellern gibt sie nie mehr auf. Erst 2010 richtet ihr das Athener Benaki Museum of Islamic Art die erste Einzelausstellung aus. 2011 startet sie durch – mit Installationen. Die Teilnahme an der Documenta 13 markiert den internationalen Durchbruch.

Bis 11. November

während der Festspiele täglich 10-18 Uhr, ab 1. September Di.-So. 10-18 Uhr; Museum der Moderne/ Rupertinum, Wiener- Philharmoniker-Gasse 9; Telefon: 0043/ 663/ 84 22 20.

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