Unsere Sommerhits

Urlaub für die Ohren

von Redaktion

Von Johannes LÖhr

Natürlich ist klar, dass man in diesem Sommer einem Lied nicht entkommen können wird: „Bella Ciao“, das mehr als 100 Jahre alte italienische Arbeiter- und Partisanenlied in der Tanzversion des französischen DJs Florent Hugel, dominiert gerade die Radiowellen des Landes. Wer sich nach dem fünften Hören des Schlagers allerdings am liebsten das Badetuch über die Ohren ziehen würde, sollte es unbedingt mit folgenden sonnigen Hits versuchen:

Canned Heat: Going up the Country

Schwamm drüber, dass dieser Sommerhit erst im Herbst 1968 rauskam. „Hitze in Dosen“ – der Name der Band war Programm. Und wohl auch psychedelische Drogen, das zeigt allein die gspinnerte Art, mit der die Buben aus L.A. den Blues durch die Mangel nehmen: Querflöte! Falsettgesang! Das Resultat ist die beste Art, eine Fahrt zum Baggersee oder Lago anzutreten. „I’m going where the Water tastes like Wine…“

Cliff Richard: Summer Holiday

Cliff war Englands größter Star, bis die Beatles kamen. Völlig zu Recht, wie dieser Evergreen zeigt. Mit Sack und Pack und einer Melodei auf den Lippen im VW-Käfer gen Süden – so klingt das Stück noch immer.

Daft Punk: Harder, better, faster, stronger

Funktioniert besonders gut auf der linken Spur einer freien Autobahn – zur Ferienzeit entsprechend unwahrscheinlich. Erfahrungsgemäß freuen sich kleine Kinder besonders auf das tanzbare „Roboter-Lied“. Das französische House-Duo jagt den Gesang durch diverse Effektgeräte und spielt damit wie auf einem funky Instrument.

Ulrich Schnauss: Knuddelmaus

So heißt das Lied tatsächlich. Das Schöne: Es klingt auch so. Elektropop-Glorie ohne Gesang, dafür mit traumhaft verwobenen Melodien, die von einem gemächlichen Rhythmus getragen werden wie von einem Sonnenstrahl. Perfekt für sommerliche Überlandfahrten. Ein anderer Song auf Schnauss’ Platte heißt Blumenwiese neben Autobahn. Das Schöne: Er klingt auch so.

Adriano Celentano: Svalutation

Unser Lieblingsitaliener beschwert sich zu einer kernigen Rhythmusgitarre. Das Benzin wird immer teurer, die Lira ist im freien Fall, freie Plätze am Meer gibt’s dafür keine. Und wir geben mehr Geld für Rüstung aus als für unser täglich Brot. Fazit: „Wir sind in der Krise – aber nach Amerika brauchen wir auch nicht auswandern. Das haben wir bereits hier.“ Der Song, der frei übersetzt „Inflation“ heißt, klingt verdammt aktuell – und endet mit einem lässigen Chuck-Berry-Solo.

The Beach Boys: This whole World

Drei Dutzend Lieder der Beach Boys sind Sommerhits. Dieses hier ist weniger bekannt und besonders von der Sonne geküsst, melancholisch, dabei optimistisch und unwiderstehlich. Und das zu einer Zeit, in der sich sein Autor, Brian Wilson, vor lauter Depressionen kaum noch aus dem Bett quälen konnte.

Don Henley: Boys of Summer

Wer von diesem aerodynamischen Achtzigerjahre-Klassiker nicht angerührt wird, muss dringend ins Solarium. Doch was für ein düsterer Text! Der Ex-Eagles-Sänger irrt ziellos durch menschenleere Straßen und trauert alter Hippie-Seligkeit und einer Frau hinterher. Der Refrain bricht durch die Tristesse wie die Sonne durch Wolken. Er wird sie immer lieben, auch wenn die Sommerbürscherl weg sind. Sehr kitschig, sehr amerikanisch, sehr unwiderstehlich.

Marcos Valle: Crickets sing for Anamaria

Pop und Bossa Nova sind selten so mühelos Hand in Hand gegangen. Zusammen mit seiner Frau Anamaria singt der Brasilianer über die Triebe und die Liebe. Aus Sicht des jungen Mädchens Maria, das seine Eltern davon überzeugen will, dass es nicht ins Bett geht, sondern zu einem Date. Denn es ist Sommer und die Grillen singen. Betörend.

Pet Shop Boys: Se a vida é

Als würde eine ganze Karnevalsparade aus Rio durch die Lautsprecher marschieren. Im Video zu diesem Ohr-Bonbon frönen schöne junge Menschen dem Nichtstun in der Sonne. Wie so vieles von den Pet Shop Boys klingt auch dieser Hit gleichzeitig kalkuliert und doch extrem sentimental. „Life is much more simple when you’re young.“ Wie wahr…

Al Green: Tired of being alone

Ein Falsettstimmchen wie Samt, der Groove lässig, die Bläser scharf: Es ist kein Wunder, dass Al Green in den Siebzigern die Damen zum Schwitzen brachte. So sündig klang sein funky Soul, dass er womöglich um sein Seelenheil fürchtete – und irgendwann beschloss, Prediger zu werden und fortan nur noch Gott zu preisen.

Jorge Ben: País Tropical

Pop war in Brasilien um 1970 herum auch politisch, denn die Militärdiktatur hörte genau hin. Ben stellte sich auf dem Cover des Albums, das „País Tropical“ enthält, mit gesprengten Ketten dar – ein durchaus gewagtes Statement. Der Song selbst klingt fröhlich und unbeschwert wie ein Schluck aus der Kokosnuss am weißen Sandstrand.

DJ Jazzy Jeff & Fresh Prince: Summertime

Hand aufs Herz: Sie würden gerne mal schön prollig mit offenem Autofenster über die Leopoldstraße gondeln und mit lauter Musik alle Blicke auf sich ziehen? Dann bitte nur mit diesem Lied – denn genau darum geht es inhaltlich in dem Gute-Laune-Hip-Hop-Klassiker des jungen Will Smith alias Fresh Prince: Ellbogen aus dem Fenster und die Mädels anhupen.

Dusty Springfield: Spooky

Womöglich einer der sexiest Songs überhaupt, dabei war Dusty Springfield doch eher ein Seelchen und Nervenbündel. Aber hier kommt alles zusammen: Die Orgel groovt, Finger schnippen, die Sängerin maunzt und haucht, das Saxofon kühlt die schwüle Atmosphäre kurz runter. Aber nur kurz.

Artikel 2 von 5