Seitlich murmelt ein Brünnlein. In einem Mini-Bassin aus einer an den Rändern hochgebogenen Bleiplatte erhebt sich eine zarte Wasserglocke. Wer sich der „Fontana“ nähert, entdeckt im Wasser die Wüstenrose. Visuelle Poesie aus einfachen Materialien entstehen lassen, die oft ungewohnt verwendet werden, das war die Strategie der Arte Povera (arme Kunst). Sie entwickelte sich so ungeniert wie charmant, so humor- wie fantasievoll im Italien der Sechzigerjahre. Heute zählt diese Phase zu den wichtigsten Kunstereignissen des 20. Jahrhunderts. Als deren einzige Protagonistin unter lauter Männern gilt Marisa Merz, 1926 in Turin geboren.
Das Museum der Moderne Salzburg widmet ihr im Gebäude auf dem Mönchsberg eine das Œuvre umfassende Schau: „Marisa Merz – Il cielo è grande spazio“. Und wenn man beim Hereinkommen in den ersten Ausstellungsraum die weiblichen Figuren – Madonna und zarte Frauen – auf Bild- und Collagetafeln sieht, weiß man, der Himmel ist tatsächlich ein weiter Raum und doch nah. Das stimmt astronomisch und künstlerisch. Die Tafeln, die Emaillack, Klebeband, Spiegel, Metallstreifen, Pastell, Reispapier und Vielzweckklemmen kombinieren, sprühen vor optischer Spiellust, verankern sich zugleich in ihrer Zartheit und dem Umgang mit Glanzeffekten in der Tradition mittelalterlicher Gemälde (Gold).
Klugerweise sind diese Bilder zusammen mit einigen Kleinplastiken auf hochbeinigen, ansonsten nüchternen Stativen zu einer Installation gefügt worden. Diese lockere Atelier-Situation stimmt einen gut auf Marisa Merz, übrigens die Frau von Mario Merz, und ihre Arbeitsweise ein. Der Rundgang beginnt mit späten Werken und schlängelt sich zurück in die Sechziger. Dieses Mäandern bedeutet, dass der Künstlerin Chronologie im Grunde wurscht ist, sie atmet gewissermaßen in ihrem kreativen Gesamt-Raum. Darum passt der Ausstellungstitel mit „cielo“ (Himmel) und „spazio“ (Raum) perfekt.
Für Merz ist beides eng mit dem menschlichen Antlitz verbunden. In Serien beschäftigt sie sich ausdauernd mit dem Kopf. Dabei kann das Gesicht fast verschwinden, auftauchen oder sich stark ausprägen. Ob sie zeichnet, ob sie in Ton modelliert, den sie nicht brennt, das Geheimnis der humanen Züge wird ausgeforscht – um es dann erneut zu inszenieren. Wunderschön ist die Installation mit den vielen „Testine“. Sie sind unendlich schlicht, wie aus einer prähistorischen Kultur stammend, und werden auf einer Spirale aus niedrigen, geschwungenen Glastischen (von Mario Merz) gezeigt. Eine Arte Povera, die ironisch mit der edlen Präsentation im Museum oder gar in einem Design-Geschäft spielt. Gibt der Ton Kompaktheit und haptischen Genuss vor, huscht der Zeichenstift nervös, unstet, dynamisch, intensiv übers Papier. Marisa Merz modelliert aus all diesen vielen, vielen Linien transparente zweidimensionale Skulpturen: Urformen von Antlitz, die von Ferne an Jawlensky erinnern; bewegte Züge, die den Futurismus zitieren; magische Gesichter, wie ausgehöhlt, die man sich gut in einem Science-Fiction-Film vorstellen könnte.
Die Italienerin hat aus Linien indes auch reale Skulpturen geschaffen. Am Anfang waren die „Scarpette“, die Schühchen, aus gestricktem Kupferdraht oder Nylonfäden. Auf einem alten Foto sieht man Marisa Merz am offenen Fenster sitzen, Füße hoch an die Wand gestemmt – und sie trägt die luftigen Ballerinas. Diese Netze legte sie weiter aus, kombinierte sie zur Boden-Blume oder mit Eisentisch und einer echten Blume (Einblatt). Neben Metall in unterschiedlichen Ausformungen ist das Weiche wichtig. Zum Ton kommt das Wachs, das noch gefügiger ist. Da können schon mal Musikinstrumente entstehen – eine Form, die an die Funktion Musizieren erinnert, aber verweigern, stumm bleiben muss.
Natürlich fehlt im Mönchsberg-Museum nicht das schönste und größte funktionslose Werk Marisa Merz’, die „Living Sculpture“ von 1966. Das Ungetüm aus wie Blätterteig gewickelten Aluminium-Bändern wirkt mit seinen schlauchartigen Auswüchsen wie eine mächtige Maschine, die man nicht zuordnen kann. Kaum zu glauben, dass die Künstlerin dieses Viel-Rüssel-Wesen in ihrer Küche entwickelt hat.
Marisa Merz hat im Übrigen das übliche Frauenschicksal gehabt: Sie wurde erst spät international wahrgenommen. In den Neunzigerjahren setzte das Interesse ein, allerdings nicht in Deutschland. 2013 wurde sie auf der Biennale von Venedig für ihr Lebenswerk geehrt. Im vergangenen Jahr zeigten das New Yorker Metropolitan Museum of Art und das Hammer Museum in Los Angeles ihr Schaffen. Heuer haben sich die Salzburger mit der Fundação de Serralves – Museu de Arte Contemporânea im portugiesischen Porto zusammengetan, um die Exposition zu verwirklichen.
Bis 4. November,
während der Festspiele (bis 30.8.) täglich 10-18 Uhr, dann Di.-So. 10-18 Uhr; Mönchsberg 32 ;
Eintritt: 8 Euro; Karten mit ermäßigtem Aufzugstarif gibt es an der Talstation (Neumayr-Platz).