Neuerscheinung

Vom Waldbauernbub zum Millionär

von Redaktion

Der Briefwechsel von Autor Peter Rosegger und Maler Franz Defregger ist Zeitporträt und schildert die Freundschaft der Künstler-Stars

Von Alexander Altmann

Sie mussten einfach miteinander befreundet sein: Dem  Münchner Malerfürsten Franz von Defregger (1835-1921) und dem steirischen Bestsellerautor Peter Rosegger (1843-1918) war nicht nur ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen gemeinsam. Beide stammten sie aus abgelegenen österreichischen Bergbauernhöfen, und beide machten sie eine geradezu märchenhafte Karriere. In ihrem jeweiligen Künstlerberuf waren sie derart erfolgreich, dass sie buchstäblich vom Waldbauernbuben zum Millionär aufstiegen. Und zwar gerade dadurch, dass sie in ihren Werken dieses Herkunftsmilieu idealisierten: Den metaphysisch obdachlos gewordenen Menschen der Industrialisierung öffneten sie regressive Traum- und Fluchträume mit der Darstellung eines vermeintlich einfachen, aber echten und ehrlichen Lebens der älplerischen Dirndl- und Lederhosenträger.

Insofern ist der Briefwechsel der Künstler-Stars nicht nur das biografisch interessante Dokument einer persönlichen Freundschaft, sondern auch eine Art beiläufiges Porträt der Epoche von der Gründerzeit bis zum Ersten Weltkrieg. Dass man diese Korrespondenz jetzt nachlesen kann, ist der Münchner Journalistin Angelika Irgens-Defregger und der Grazer Bibliothekarin Susanne Eichtinger zu verdanken, die den Briefwechsel der beiden Freunde herausgegeben haben. Unter dem Titel „Wie selten haben wir uns gesehen…“ ist ihre sorgfältige, mit historischen Fotografien bebilderte und mit erhellenden Anmerkungen versehene Edition als Veröffentlichung der Steiermärkischen Landesbibliothek erschienen.

Als überraschend spannende Lektüre erweist sich das Buch, weil der steile soziale Aufstieg der beiden in ihren Briefen gerade nicht explizit, aber indirekt umso deutlicher immer wieder zum Thema wird. Etwa wenn Defregger betont gelassen von seiner Teilnahme an der Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele 1876 berichtet, zu der immerhin auch Kaiser Wilhelm I. kam: „Das Festspiel war sehr gelungen und großartig, besonders die Musik; auch das Publicum welches sich dort zusammenfand war sehr interessant.“

Bemerkenswert scheint freilich auch, wie sich speziell in den gegenseitigen Komplimenten und Freundschaftsbezeugungen der Briefpartner ihre unterschiedlichen Charaktere spiegeln, die, wie einem vorkommen will, darin beispielhaft ihre jeweiligen Berufsstände repräsentieren: Während der Maler offen, kraftvoll, quasi breitbeiniger auftritt, hat der Schriftsteller fast etwas Schüchtern-Beflissenes an sich. So schreibt Defregger am 8. Januar 1888: „Wir lesen gegenwärtig Ihr reizendes Buch … und sind sehr entzückt davon. (…) Sie sind wohl oft der Gegenstand des Gesprächs, und es könnte Ihnen fortwährend das rechte Ohr klingen.“ Postwendend antwortet Peter Rosegger am 15. Januar: „Seit 5 Tagen liegen Ihre Bilder auf meinem Tisch u. ich kann mich daran nicht satt sehen. (…) Ich bin dem Geschick dankbar, daß ich zu Ihrer Zeit lebe, daß ich Sie Freund nennen darf.“

Susanne Eichtinger und Angelika Irgens-Defregger (Hrsg.):

„,Wie selten haben wir uns gesehen…‘ Der Briefwechsel Peter Rosegger – Franz Defregger“. Steiermärkischen Landesbibliothek, Graz, 352 Seiten; 25 Euro.

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