Nach der Dernière ist vor der Premiere. Denn die Tränen der Fans, die dem Ensemble von „Fack ju Göhte – Se Mjusicäl“ vor knapp einer Woche einen hoch emotionalen Abschied beschert hatten, waren noch nicht ganz getrocknet, da rief Stage-Entertainment auch schon zur ersten Audition für die Nachfolgeproduktion im Werk7. Anfang 2019 feiert hier mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ die Broadway-Adaption von Jean-Pierre Jeunets gleichnamigem Kultfilm ihre deutsche Erstaufführung.
Für uns mag das Premierendatum am 14. Februar gefühlt zwar noch in weiter Ferne liegen, doch gibt es hinter der Bühne schon jetzt jede Menge zu tun. Nicht nur, dass sich das Theater bis dahin von der „Göhte“-Turnhalle in ein lauschiges Pariser Bistro verwandelt haben soll, auch am Musical selbst wird noch kräftig gefeilt. War es der New Yorker Produktion 2018 doch nicht hundertprozentig gelungen, den Charme der Leinwandvorlage auf die Bühne zu übersetzen. Und so ließen die US-amerikanischen Produzenten dem Stage-Team freie Hand, ihre eigene Version zu entwickeln, für die man mit Christoph Drewitz erneut jenen Regisseur im Boot hat, der schon bei „Fack ju Göhte“ mit viel Witz und Kreativität ans Werk gegangen war.
„Wenn man mit Menschen über ‚Amélie‘ spricht, redet kaum einer von der Handlung, sondern zuerst immer von der Atmosphäre, von der Musik und den Farben. Von all dem, was einen sofort nach Paris versetzt. Das Musical hat ein amerikanisches Team für ein amerikanisches Publikum gemacht. Wenn wir die Geschichte jetzt wieder zurück nach Europa holen, muss es einfach anders klingen und anders aussehen. Gerade das ist für uns der Spaß an der Sache.“ Wie für Drewitz liegt auch für den musikalischen Leiter Ratan Jhaveri die Mission darin, die Wurzeln dieser poetischen Geschichte wieder freizulegen. „Die Amerikaner wollten keine Karikatur, haben darüber aber vielleicht etwas vergessen, dass gerade all die typisch französischen Elemente den Film in gewisser Weise ausmachen.“ Und so werden in der Münchner Premiere einige Melodien aus dem preisgekrönten Soundtrack von Yann Tiersen erklingen, die Jhaveri mit den Broadway-Songs von Daniel Messé verwebt. „Die Herausforderung besteht darin, beide Werke zu respektieren.“
Neben der märchenhaften Verpackung waren es nicht zuletzt gerade die auf der Leinwand versammelten Charakterköpfe, die Jeunets Film 2001 seine besondere Note gaben. Markante Gesichter, von denen sich Drewitz beim Casting so gut wie möglich freizumachen versucht. „Es geht uns nicht darum, dass Amélie aussieht wie Audrey Tautou, sondern dass sie diese Verträumtheit glaubwürdig verkörpert. Wenn eine Frau das ausstrahlt, kann sie bei der Audition auch mit langen blonden Haaren antreten.“
In München trifft das Team rund 40 Darstellerinnen und Darsteller pro Tag, die jeweils nur wenige Takte Zeit haben, um sich für eine der begehrten Rollen zu empfehlen. Oft nicht einmal einen kompletten Song. Wobei die Länge des Auftritts für Drewitz nicht zwangsläufig über das Weiterkommen entscheidet. „Mal versucht man hartnäckig, ihnen etwas zu entlocken, und merkt dann, dass leider nicht mehr kommt. Bei anderen weiß man dagegen schon nach ein paar Noten: Das ist es! Manchmal sogar, wenn sie nur mit der richtigen Ausstrahlung zur Tür reinkommen.“ Und so gibt es tatsächlich ab und zu diese magischen Momente, in denen das Team sein Pokerface nur schwer wahrt und sich einfach zufrieden zunickt. An Talenten mangelt es bei der ersten Münchner Runde nämlich nicht. Ob wir den einen oder die andere davon bald im Werk7 wiedersehen, wird sich nach den nächsten Castings in Berlin und Hamburg zeigen.