Ein Rucksack voll Tragödien

von Redaktion

Der Leser verschlingt Nino Haratischwilis Roman „Die Katze und der General“ in einem Rutsch

Von Melanie Brandl

Es ist kein Zufall, dass Nino Haratischwili in ihrem neuen Roman „Die Katze und der General“ ausgerechnet Dostojewski erwähnt. Wie er in seinem Jahrhundertwerk „Schuld und Sühne“ befasst sie sich mit der Kernfrage nach dem Recht auf Vergeltung, mit Wunden, die nie mehr heilen, mit Menschen, die im rechtsfreien Raum zu Mördern werden. Und wie ihr russischer Kollege vor knapp einhundertfünfzig Jahren gönnt sich die in Georgien geborene, aber auf Deutsch schreibende Autorin fast 800 Seiten Zeit dafür.

Sie springt zwischen den Zeitebenen, den Perspektiven und den Familiengeschichten hin und her, fügt Elemente zusammen wie einen mechanisch drehbaren Zauberwürfel, schildert die Grausamkeiten der Kriege, aber auch der Menschen untereinander, die Gewalt, den Hass, die Rachsucht, die Schuldgefühle, aber auch die Liebe. Und sie verwebt das Ganze zu einem so dichten, spannenden und mitreißenden Epos, dass der Leser diesen Wälzer nicht nur in einem Rutsch verschlingt, sondern gleich das Bedürfnis verspürt, wieder von vorne anzufangen.

Im Zentrum von Haratischwilis Roman steht der General Alexander Orlow, ein russischer Oligarch, der einst als Rekrut im ersten Tschetschenienkrieg gemeinsam mit seinen Kompaniekameraden die 17-jährige Nura vergewaltigt und ermordet hat. Ungesühnt lastet das Verbrechen auf ihm und wird zum würgenden Strick an seiner Kehle, als die eigene geliebte Tochter davon erfährt und mit dieser Fremdschuld nicht leben kann. Zwanzig Jahre nach der Tat ruft Orlow zur Abrechnung und als korrupter, reicher, scheinbar nichts mehr zu verlieren habender Mann inszeniert er diesen Moment wie ein tödliches Spiel. Als Mitstreiter gewinnt er durch perfide Methoden den ehemaligen Kriegsjournalisten Onno, der „seinen Rucksack stets volllud mit den Tragödien und Tränen anderer“, bis sein Leben selbst an eben jener Geschichte Orlows zerbrach, sowie die „Katze“, eine junge Schauspielerin, die der ermordeten Nura zum Verwechseln ähnlich sieht.

Kunstvoll, sprachlich nahezu überbordend und dennoch die Handlung nie langatmig ausdehnend, zieht Haratischwili das Netz immer enger. Neben den Fragen nach Schuld und Verantwortung thematisiert sie ganz nebenbei die Grausamkeiten der im Westen oft nur verschwommen wahrgenommenen Tschetschenienkriege in den Neunzigern. Sie erzählt von Menschen, die in neue Heimaten flüchten müssen, ihre Sehnsucht nach der alten Heimat aber niemals ganz stillen können. Eine leichte Lektüre ist dieser Roman bei aller Spannung nicht. Aber es ist einer, den sich zu lesen lohnt. Und einer, der zu Recht im Finale des Deutschen Buchpreises steht. Am 8. Oktober wird sich zeigen, ob er die Auszeichnung erhält. Verdient hätte das Werk sie.

Nino Haratischwili:

„Die Katze und der General“. Frankfurter Verlagsanstalt, 766 Seiten; 30 Euro.

Die Autorin liest am 27. 11. in Weilheim, Buchhandlung Lesbar, und am 28. 11. im Münchner Literaturhaus.

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