Es wäre falsch zu behaupten, dass sie zum Auftakt der achten und letzten Spielzeit von Martin Kušej am Residenztheater den leichten Weg gehen würden. Bevor der Intendant seinen Vertrag am Staatsschauspiel vorzeitig beendet, um Burgherr in Wien zu werden, wird das Münchner Publikum nochmals herausgefordert. Nicht das sichere Reclam-Stück gibt’s zum Finale. Statt aus Selbstläufern besteht der Saisonstart aus Peter Weiss’ grellem Disputations-Drama „Marat/Sade“ am Donnerstag sowie der Uraufführung „Ur“ am Freitag, einer Arbeit des kuwaitischen Autors und Regisseurs Sulayman Al Bassam. Der Eröffnungsreigen endet an diesem Samstag mit „Die Verlobung in St. Domingo“ nach Kleists Novelle, auch nicht gerade Repertoire-Mainstream.
Das „Spiel als politischer Akt“ ist Kušejs Abschiedsmotto. Das 1964 uraufgeführte Drama „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade“ (um den Titel zumindest einmal in ganzer Pracht zu nennen) passt dazu wie der Revolutionär in seine Wanne. Tina Lanik inszenierte diese erste Produktion 2018/19 am Residenztheater; der 100 Minuten lange Abend (keine Pause) wurde nach der Premiere herzlich beklatscht.
Als „Marat/Sade“ firmiert das Stück – und die Verkürzung macht klar, worum es Peter Weiss (1916-1982) vor allem ging: die Auseinandersetzung mit zwei Lebensprinzipien. Hier der Revolutionär, der die Gesellschaft gestalten, verändern will: „Ich glaube nur an die Sache!“ Dort der extreme Individualist, der sich resigniert von jedem Engagement jenseits des eigenen Körpers verabschiedet hat: „Ich glaube nur an mich selbst!“
Laniks Inszenierung, die getragen wird von einem Ensemble, das sich der Spiellust hingibt, folgt dem Autor gewissenhaft in dieses Einerseits – Andererseits. Stefan Hageneier hat dazu klug verwinkelte Räume auf die Drehbühne gebaut, die so unübersichtlich und unbeeindruckt ihre Kreise zieht, wie es die Welt eben tut. Gleich zu Beginn finden sich die Schauspieler zum Tableau vivant nach Jean-Joseph Weerts’ Gemälde „Marat ermordet! 13. Juli 1793, acht Uhr abends“ zusammen. Kunstblut schwappt anschließend literweise durch die Produktion – mit dem Lebenssaft hat schließlich noch keine Revolution gegeizt.
Kein Wunder also, dass de Sade die meiste Zeit am Boden fläzt, mit einem Interesse am Weltgeschehen, das nicht weiter reicht als bis zum Nabel seines fettgefressenen Bauchs. Trotz minimaler Aktion ist Charlotte Schwab in dieser Rolle ein Kraftzentrum. Das andere bildet Nils Strunk, ein Badewannen-Bilderbuch-Revolutionär: trainiert, Tremolo in der Stimme, très chic – selbst wenn er würgend über der Schüssel hängt. Zwischen diesen Antipoden stolziert-marschiert Michele Cuciuffo als Anstaltsleiter und Ausrufer durch die Szenerie: Als Dompteur der Diskutanten gibt der Schauspieler der Inszenierung Energie, Struktur und – zusammen mit dem Chor der Abgehängten in Feinripp – eine treibende Musikalität.
Natürlich lässt sich Weiss’ Drama ganz wunderbar als Kommentar zur Zeit lesen. Lanik und ihre Dramaturgin Andrea Koschwitz arbeiten das sehr schön heraus, auch durch textliche Ergänzungen aus den Notizbüchern des Autors. Schade allerdings, dass die Regisseurin schließlich doch zum großen Besteck greift und den Aktualitätshammer schwingt: Als Marat vor erleuchtetem Saal zur Agitation ansetzt und über das Auseinanderdriften Europas sinniert, über einen Innenminister schimpft, der nicht zurücktreten mag, über sinnentleerte Wahlplakate spottet und einen Ministerpräsidenten geißelt, der trotz Gegendemonstrationen Gesetze durchboxt („Das ist eben Söderal-, äh, Föderalismus!“).
All das mag stimmen. All das kann man derart plakativ ausstellen. Man könnte aber auch auf die Intelligenz des Publikums vertrauen. Denn das Spiel an sich ist ein politischer Akt.
Nächste Vorstellungen
an diesem Samstag sowie am 1. und 22. Oktober;
Telefon 089/ 21 85 19 40.