München in Grau

von Redaktion

Friedrich Anis Detektiv Tabor Süden kehrt zurück

Von Simone Dattenberger

Tabor Süden ist wieder da. Friedrich Ani hatte den ehemaligen Kriminalkommissar für Vermisstenfälle und späteren Privatdetektiv für ebensolche Probleme nach 19 Romanen in die „Vermissung“ geschickt, wie sich Süden ausgedrückt haben würde. Seine Leser jedenfalls haben den eigenbrötlerischen, düster gestimmten Münchner vermisst – und sie werden jetzt aufatmen bei: „Der Narr und seine Maschine – Ein Fall für Tabor Süden“.

Die Wiederauferstehung erlaubt sich Ani allerdings nur, um dem realen Narren und seiner Maschine ein Denkmal zu setzen, standesgemäß ein erzählerisches. Im Vorwort bekennt der bayerische Autor seinem Publikum die eigene Lese-Begeisterung. Cornell George Hopley- Woolrich, der Begründer der so berühmten wie prägenden Schwarzen Serie, ist Friedrich Anis Held. Und weil der US-Amerikaner am 25. September 1968 gestorben ist, setzt ihm der Deutsche ein Epitaph in Form eines Kurzromans.

Da Woolrich seine Erinnerungen mit „Yes, a Fool and his Machine“ beendete, wurde aus diesem Seufzer der Titel des neuen Süden-Buches. Darin wird jener in dem fiktiven Autor Cornelius Hallig alias Georg Ulrich gespiegelt. Und auch Ani selbst reflektiert sich in Cornell Woolrich, wenn er erzählt: „Meine erste Schreibmaschine, die ich mir von meinem Geld als Aushilfskellner gekauft hatte, besitze ich noch immer. Seine damals war eine Remington Portable, meine eine Olympia Monica. Zu Woolrichs Ehren ließ ich sie von Meisterhand ölen, putzen und neu einstellen. Kriminalschriftsteller sind die letzten Romantiker, wussten Sie das nicht?“

Am Ende der Erzählung steht Tabor Süden am Bahnhof – mit Reisetasche und Schreibmaschinenkoffer in der Hand. Wie am Anfang des Textes will er verschwinden als einer, der nicht vermisst werden möchte. Aber er wird vermisst. Ani setzt seinen Tabor Süden und den einst erfolgreichen Krimiautor Hallig in ein vertracktes Spannungsfeld von widerstrebenden und -streitenden Gefühlen: Die einen wollen sich aus der Lebens-Melancholie lösen, indem sie Bindungen lösen, ja sich selbst auflösen. Aber sie sind Vermisste. Das heißt, die anderen, die Vermissenden, halten an der Beziehung fest, holen sich sogar Hilfe.

Das tut im neuen Roman der Hotelbesitzer, bei dem Hallig seit Langem – früher auch mit der Mutter – lebt. Das tut die Detektei-Besitzerin, indem sie Süden am Bahnhof abfängt und auf den Fall ansetzt. Und das tut Tabor seinerseits, als er Hallig gefunden hat. Er ist für den in Einsamkeit und Hinfälligkeit Verschwindenden einfach da, raucht und säuft mit ihm in einem Urmünchner Café: Es ist eine Sterbebegleitung, die verhindert, dass die Pistole zum Einsatz kommen muss.

Beide Männer gehen in dem Café, das Ani liebevoll ausformt, in ihre Jugend zurück, begleitet von den Siebzigerjahre-Popsongs aus der Jukebox. Cornelius Hallig war den ganzen Tag unterwegs in seine Kindheit gewesen, etwa in der einstigen Wohnung, die wie er verfällt. Gleichzeitig suchte Süden nach ihm und fächerte auf diese Weise noch genauer die Wesenseigenarten des Schriftstellers auf – der eben sehr wohl gemocht und vermisst wird. Friedrich Ani schraffiert die Münchner Wirklichkeit, wie nur er es kann, in zahllosen Grau- und Schwarztönen. Der Meister der Hoffnungslosigkeit lässt trotzdem das Licht der Mitmenschlichkeit leuchten. Umso seltsamer wirken auf uns seine Verzweiflungsmänner.

Friedrich Ani:

„Der Narr und seine Maschine – Ein Fall für Tabor Süden“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 150 Seiten; 18 Euro.

Lesung am 22. Oktober im Münchner Literaturhaus,

Telefon 089/ 29 19 34 27.

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