Kein Applaus für Roboter

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Münchner Kammerspiele starteten mit „Unheimliches Tal“

VON MELANIE BRANDL

„Ist der echte Thomas Melle heute auch da?“ Ratloses Schulterzucken vor der Kammer 3. Die gespannte Stimmung unter den Zuschauern wird verstärkt, als sich die Türen öffnen: Auf der in Dämmerlicht getauchten Bühne der Münchner Kammerspiele sitzt er, der Roboter, der von vorne absolut menschlich aussieht, dem aber hinten die Kabel aus dem Schädel quellen. Monotone, sphärische Klänge ertönen. Bewegt er sich? Noch nicht, na klar, die Vorstellung hat noch nicht begonnen. Oder doch?

Ein Räuspern eröffnet den Reigen, den Regisseur Stefan Kaegi und der Autor Thomas Melle sich unter dem Titel „Unheimliches Tal“ ausgedacht haben, ein ständiges Spiel mit den Ebenen. Was ist real? Was ist Fiktion? Was ist Mensch, was Maschine? Wer kontrolliert hier – und wer wird kontrolliert?

Der Roboter, der sich räuspert, mit „Ähms“ um Worte und parallel mit den Händen ringt, scheint krampfhaft zu versuchen, menschlich zu sein. Das Quietschen der Gelenke aber und die offensichtliche Technik konterkarieren das mit Absicht. Melles eingespielte Stimme, die die Maschine dank feinster Mechanik zu artikulieren vorgibt, entlarvt diesen Widerspruch als sein Konzept: Vieles im Leben sei für ihn erst durch das Schreiben fassbar geworden, erklärt der Autor, „erst durch eine große Künstlichkeit wurde mein Text authentisch“.

Melle, der unter Bipolarität und dem damit verbundenen Kontrollverlust leidet, hat sich mit dem Roboter eine Maschine geschaffen, die ihn auf der Bühne vertritt, ihm lästige Pflichten abnimmt, zuverlässig immer und überall dasselbe Programm abspult. Unzuverlässig sind allein die Zuschauer – oder nicht? Mittels Bildern und Videos illustriert Kaegi die Performance zusätzlich. Er lässt Melles Alter Ego auf die Vita des Schriftstellers und die eigene Entstehung zurückblicken, erzählt von dem Informatiker Alan Turing, dessen Forschungen maßgeblich waren für die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Auch Wissenschaftler oder Menschen, die gesundheitlich von dieser Technik profitieren, kommen zu Wort.

Das alles aber ist Beiwerk. Erst als die Maschine den Zuschauern Fragen stellt, wissen will, wie es ihnen geht, sie bittet, die Augen zu schließen und sich an etwas zu erinnern, sie mit Reizworten füttert und damit ihre Gedanken lenkt, wird das wahre Ziel der Inszenierung erreicht: Wenn alles stets Gleichmäßige, Kontrollierbare, Steuerbare wie zum Beispiel ein Theaterscheinwerfer Technik ist und nur das Zufällige, Unsteuerbare menschlich – inwiefern sind die Zuschauer, in diesem Moment von der Maschine gesteuert, noch Menschen?

„Ich weiß nicht, was sie hier machen!“, verkündet der Roboter triumphierend und unterstellt dem Publikum eine „Kulturleistung“, die es gerade abliefere. „Wenn sie jetzt gleich klatschen, dann für sich selbst.“ Am Ende herrscht Stille. Niemand applaudiert. Aber beweist man damit Menschlichkeit? Oder ist nicht genau das der letzte Beweis der Kontrollierbarkeit, weil Kaegi genau das geplant hat?

Erleichterter Jubel ertönt erst, als echte Menschen auf die Bühne treten, die, die hinter dieser befremdlich-verstörenden, zum Nachdenken anregenden Performance stecken. Unter ihnen ist auch Thomas Melle. Er ist doch da. Und das Mystische ist verflogen.

Nächste Vorstellungen

am 6., 7., 15., 17. und 30. Oktober sowie am 13., 14., 15. November; Telefon 089/ 23 39 66 00.

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