Erlebnisraum Bühne

von Redaktion

Mit „Vision und Tradition“ blickt das Deutsche Theatermuseum auf 200 Jahre Nationaltheater

VON MAXIMILIAN MAIER

„Mein Gott! Früher waren Inszenierungen ja so simpel und langweilig. Mal kommt der Lohengrin von links, in der anderen Produktion von rechts. Aber ansonsten Schwan, Ritterrüstung, Münster – überall das Gleiche!“ So oder so ähnlich lauten Vorurteile mancher Pseudo-Modernisten, die Produktionen und Dekors vor der Zeit des „Regietheaters“ für verzopft, bloß bebildernd, austauschbar halten. Ein Fehler! Genauso falsch wie die Meinung mancher Traditionalisten, das „Regietheater“ hätte die „Werktreue“ zerstört, indem es eigene Interpretationen liefert. Wie stark die Bühnenbilder bereits im 19. Jahrhundert Opern interpretiert und reflektiert haben, zeigt jetzt die Ausstellung „Vision und Tradition. 200 Jahre Nationaltheater München. Eine Szenographiegeschichte“ im Deutschen Theatermuseum.

„Die Raumkonzepte der damaligen Bühnenbildner waren der schauspielerischen Seite in Sachen Innovation um Jahrzehnte voraus“, erklärt Jürgen Schläder, Professor für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität, der die Ausstellung kuratiert. „Gerade das Münchner war im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts das entscheidende Haus für den deutschen Raum.“ Vor 200 Jahren wurde das königlich Bayerische Hof- und Nationaltheater eröffnet. Dieses Jubiläum hat das Deutsche Theatermuseum zum Anlass genommen, aus seinen reichen Beständen (250 000 grafische Blätter!) Bühnenbildentwürfe zu sichten, auszustellen und damit die Entwicklung dieser besonderen Kunstform zu zeigen. Aber wie auswählen? Für Claudia Bank, Leiterin des Museums und Mitkuratorin, war klar, dass die Schau einen neuen thematischen Ansatz brauchte, der auch stark auf die Sammlung bezogen ist. Der Fokus wird auf fünf Stücke gerichtet, die bis heute Säulen des Staatsopern-Repertoires sind: „Fidelio“, „Meistersinger“, „Aida“, „Frau ohne Schatten“ und „Zauberflöte“. Besonders anhand dieser Werke wird beeindruckend klargemacht, wie jede Generation eigene Ausdrucksmöglichkeiten gefunden hat. Es ist spannend, die Ästhetik der jeweiligen Malereiepoche zu spüren und doch ureigene künstlerische Ansätze durchscheinen zu sehen. Die vorgestellten Künstler sind in erster Linie die verantwortlichen Bühnenleiter des Nationaltheaters, darunter Namen wie Simon Angelo Quaglio, Leo Pasetti und Ludwig Sievert. Die ersten 150 Jahre bestimmte immer ein Mann die ästhetische Ausrichtung des Bühnenraums, egal bei welcher Oper. Erst nach dem Tod von Helmut Jürgens, der – auch das keine Regietheatererfindung – bereits Einheitsbühnenbilder einsetzte, wurden für jede Inszenierung eigene Bühnenbildner engagiert – zum Beispiel der legendäre Jean-Pierre Ponnelle oder Jürgen Rose. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich allein, um die zeichnerischen Fähigkeiten der beiden bestaunen zu können – etwa wie Rose mit einfachen Mitteln die fatalistische Stimmung der Philipp-Großinquisitor-Szene seiner Münchner „Don Carlos“-Inszenierung malt, den Gesichtern mit dem Pinsel Leben einhaucht und Charakter verleiht.

Der Clou ist ein verspiegelter Saal im oberen Stockwerk des Hauses. Mediendesigner Christian Schmidt hat hier einen eigenen Bühnenraum entworfen. Auf transparente Leinwände werden Videos aktueller Staatsopern-Inszenierungen projiziert, die man – genau wie sich selbst – durch die Spiegelungen sieht und über Lautsprecher hört. Ein ganz eigenes Erlebnis, Teil eines Bühnenraums zu sein.

Bis 14. April 2019

tägl. außer Mo. 10-16 Uhr,

Galeriestraße 4a; Telefon 089/ 21 06 910.

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