Passion mit Gefühl
Die Münchner Arcis-Vocalisten proben für ein unbekanntes Oratorium von Carl Loewe
Dass ihr Chef selbst Sänger ist, schätzen die Arcis-Vocalisten besonders. „Es ist sein großer Bonus. Genau deshalb fühlen wir uns so wohl und so gut angeleitet“, schwärmt die Medizinerin Birgit Schmidbauer, die seit der Chor-Gründung im Jahr 2005 mit an Bord und auch als Vorstand aktiv ist. Wer auf einer Probe miterleben darf, mit wie viel Temperament, Fantasie und Schlagfertigkeit Thomas Gropper, Professor für Gesang und Gesangsdidaktik an der Münchner Musikhochschule, agiert und wie er aus dem Ensemble das herausholt, was ihm vorschwebt, der kann die Begeisterung seiner Chorsänger nachempfinden.
In den vergangenen Wochen beschäftigten sie sich intensiv mit Carl Loewes Passionsoratorium „Das Sühnopfer des Neuen Bundes“, das am kommenden Montag in der Himmelfahrtskirche München-Sendling aufgeführt wird. Carl Loewe auf den Spuren Bachs? Das ist schon eine Überraschung, eigentlich denkt der Musikfreund bei Loewe an dessen Balladen und hört vielleicht sogar „Die Uhr“ ticken…
Der 1796 geborene Komponist wirkte über Jahrzehnte als Kantor an der Hauptkirche in Stettin und schrieb 17 Oratorien. Thomas Gropper lernte das „Sühnopfer“ 2017 kennen, als er bei einer Aufführung in Aschaffenburg einen Solopart sang. Spontan entschied er, das unbekannte Werk mit den Arcis-Vocalisten zu realisieren. „Es ist reizvoll, die Passionsgeschichte mal anders zu hören“, sagt der Chorleiter. „Außerdem ist das für eine gute Kantorei geschriebene Oratorium für einen Laienchor bestens geeignet und aufgrund der Besetzung mit einem reinen Streichorchester auch leichter zu realisieren.“ Zudem seien der Bayerische Rundfunks und die CD-Firma Oehms interessiert, eine Aufnahme herauszubringen. Im Frühjahr, rechtzeitig zur Passionszeit, werde die CD auf den Markt kommen.
Gropper erläutert, dass die Choräle des Oratoriums „sehr gefühlvoll, aber nie süßlich sind“ und dass die Solisten ihre Arien und Duette „beseelt und wie ein Lied gestalten müssen“. Während die Jesus-Worte originalen Bibel-Zitaten entsprechen, stammen die übrigen Texte von Wilhelm Telschow und können ihre Entstehungszeit, die Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht verleugnen. Wie in vielen Aufführungen der Arcis-Vocalisten ist auch bei Loewes „Sühnopfer“ wieder das Barockorchester „L’arpa festante“ als Partner dabei. Die Streicher spielen dabei auf 430 Hertz gestimmte Instrumente aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Bereits am 18. November steht das nächste Konzert der Arcis-Vocalisten an: Mozarts Requiem, gekoppelt mit der 40. Symphonie. Nur einen Monat später reisen die Arcis-Vocalisten zu einem Weihnachtslieder-Konzert nach Luzern, im Bürgerhaus Unterföhring führen sie am 21. Dezember Bachs Weihnachtsoratorium auf. Viel Arbeit also für einen Laienchor, der zehn bis zwölf Projekte im Jahr verwirklicht. Nicht immer sind alle dabei, doch wenn Orffs „Carmina Burana“ auf dem Programm stehen, treten 80 Sänger an. Bei A-cappella-Konzerten sind es 40 und beim Loewe-Oratorium gut 60. Ein fester Kern von 30 bis 35 Sängern ist quasi immer dabei, die übrigen kommen je nach Bedarf dazu.
Als Gropper 2005 den Chor „aus Neugierde und Experimentierlust“ gründete, waren etwa 30 Mitglieder am Start. Manche kamen aus anderen Münchner Chören, wo sie Gropper als Stimmbildner erlebt hatten, einige singen heute noch auch im Philharmonischen Chor. Etwa Rudolf Laué, der seit zwölf Jahren dabei ist – „hoffentlich noch viele Jahre“. Der Mathematiker erinnert sich gern zurück an die szenische Johannes-Passion 2009. „Das war eine besondere Herausforderung. Wir haben mit dem Regisseur intensiv gearbeitet, die historischen Hintergründe beleuchtet und einen tiefen Einblick in das Werk erhalten.“
Für viele Sänger ist gerade die projektbezogene Arbeit günstig. Pädagogik-Studentin Maria Gulden singt seit fünf Jahren im Sopran und ist begeistert: „Ich kann aussuchen, was zeitlich für mich passt und erlebe dann eine konzentrierte Probenarbeit in einer guten und heiteren Atmosphäre. Mit einem Leiter, der auf Augenhöhe mit uns kommuniziert.“ Dass der Humor dabei nicht zu kurz kommt, verrät ein kurzer Einwurf des Chorleiters: „Bitte mehr Spannung! Sonst klingt es, als ob Heino Loewe singt.“
Konzert
am kommenden Montag in der Himmelfahrtskirche, Kidlerstraße 15;
Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.