„Ein ewiges Rätsel bleiben will ich mir und anderen.“ Das berühmte Zitat des Märchenkönigs und Schlösserbauers Ludwig II. – es passt brillant zu einer der mythischsten Figuren der modernen Musik, zu David Bowie. Vor bald drei Jahren, am 10. Januar 2016, starb der Mann, der Klangschlösser errichtete, mit 69 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Und am kommenden Dienstag erscheint mit „David Bowie – Ein Leben“ ein monumentales 816-Seiten-Buch über den Künstler, der Ziggy Stardust war und der sein Sterben als sein letztes großes Werk inszenierte.
Auch Autor Dylan Jones, ein preisgekrönter englischer Journalist, schafft es darin nicht, das Chamäleon Bowie zu enttarnen. Natürlich nicht. Denn den einen, den wahren, den echten David Bowie – den gab es schlichtweg nicht. „Er war seine eigene Schöpfung, sein höchst eigenes Kunstwerk“, erklärt Jones, der mit dem Superstar noch selbst mehrere Interviews geführt hat. Der Herausgeber des Magazins „GQ“ schafft es in seinem spannenden Buch trotzdem, dem Leser das Rätsel Bowie beeindruckend nahe zu bringen.
Geholfen haben ihm dabei 182 Weggefährten, Angehörige, Freunde und Kollegen Bowies, mit denen er Interviews führte. Die Liste der Prominenten, aus deren Aussagen das Buch zum größten Teil besteht, liest sich spektakulär: Paul McCartney, Iggy Pop, Bono oder Elton John sind ebenso vertreten wie Ex-Gattin Angela Bowie, Witwe und Seelengefährtin Iman oder Stamm-Produzent Tony Visconti.
Aus allem, was sie über David Bowie zu erzählen haben, hat Dylan Jones eine Zeitreise montiert. Sie führt von der Jugend des David Robert Jones im Londoner Vorort Bromley (sogar einen ehemaligen Nachbarn hat der Autor aufgetrieben) über den Glamrockstar mit Künstlernamen David Bowie, der selbst im Schwarz-Weiß-Fernsehen eine Explosion von Farben auslösen konnte, bis in die letzten, zurückgezogenen Jahre in New York. Dort lief der einst so schillernde Star unerkannt durch die Straßen. „Er konnte seine Anonymität einfach an- und ausknipsen“, staunt Blondie-Sängerin Debbie Harry.
Der Autor hat seinen Interviewpartnern hochinteressante Geschichten entlockt. Tony Visconti erinnert sich an die Aufnahme von „Heroes“ 1977 im Berliner Hansa-Studio: „Mit den ganzen Backgroundvocals und den Instrumenten hatten wir nur noch eine von 24 Spuren frei für den Gesang.“ Kein Problem für Bowie, er sang brillant – solange der Drogennachschub nicht stockte. Model Bebe Buell, Mutter von Schauspielerin Liv Tyler, ist heute noch hin und weg vom krachbunten Bowie der frühen Siebzigerjahre: „Er sah wirklich so aus, als sei er mit einem Ufo gelandet und habe es draußen geparkt.“
Der Schriftsteller Hanif Kureishi („Der Buddha aus der Vorstadt“), der einige Jahre nach Bowie auf dessen Schule ging und sich Jahrzehnte später mit dem Sänger anfreundete, wurde von den Lehrern eindringlich gewarnt: „Wenn du dich nicht zusammenreißt, Kureishi, dann wirst du enden wie er.“
Die Mahnung stammt aus den wilden Anfangsjahren, als Bowie dafür berüchtigt war, seine Groupies (weiblich wie männlich) im Leichenwagen zu verführen. Dylan Jones, der kein Hehl aus seiner Verehrung macht („Mein persönlicher Superheld“), zeichnet das Bild eines lange Jahre exzentrischen, vor allem aber ungeheuer charmanten und grenzenlos neugierigen Menschenfängers. Das Ende des Buches liefert beeindruckende Details zu Bowies letztem Album „Blackstar“, das zwei Tage vor seinem Tod erschien und mit dem er – wie ein verglühender Stern – Abschied vom Leben nahm. Als Produzent Visconti die Songtexte las, begriff er erst, dass sein Freund hier sein eigenes Requiem verfasst hat: „Du schlauer Mistkerl, du hast ein Abschiedsalbum geschrieben.“ David Bowies letzte Mail an seine Plattenfirma Sony klang aber wieder überaus irdisch. Er war zufrieden mit dem brillanten „Blackstar“ und schrieb: „Nicht schlecht für einen alten Rocker.“
Dylan Jones:
„David Bowie – Ein Leben“.
Aus dem Englischen von Friederike Moldenhauer, Rowohlt, Reinbek, 816 Seiten; 38 Euro.