Die Fab Four in allen Gassen

von Redaktion

„Let it be“ kommt nach München – Wir suchten in Liverpool Spuren der Beatles

VON MAGDALENA KRATZER

Die Schlange reicht bis um die Ecke. Seit Stunden warten die Fans an diesem kaltem Dezember-Tag im Jahr 1963 vor dem Liverpool Empire Theatre, um Paul Mc Cartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison spielen zu hören. Endlich – die ersten Takte klingen an. Frauen kreischen, weinen, fallen in Ohnmacht.

54 Jahre und 9 Monate später wieder eine Schlange. Aufgeregte Fans. Dieselbe Band. Zumindest fast. Denn die Fab Four sind fake. Die Tribute-Show „Let it be“, die bereits Erfolge am Londoner West End und am Broadway in New York feierte, gastiert an diesem Abend in überarbeiteter Version in Liverpool. Der Saal ist voll. Hier scheint man von den Beatles nicht genug zu bekommen – dabei trifft man an jeder Ecke auf sie.

Die Beatles klingen noch heute durch die Gassen. Straßenmusiker spielen die Hits. Museen, Schilder und Touristenführer erzählen die Geschichte der berühmtesten Band der Welt – 50 Jahre nach ihrer Auflösung. Geschichten erzählt auch die Stadt selbst. Zum Beispiel Penny Lane. Die Straße, die vor gut 50 Jahren zum Hit wurde. Oder der Cavern Club an der Mathew Street. Nach ihren Erfolgen im Indra Club und im The Kaiserkeller in Hamburg machten sich die Beatles hier endlich auch in Liverpool einen Namen: als „German Band“, denn anfangs wurden sie für Deutsche gehalten, erzählt Roag Best. Im Lokal seiner Mutter Mona, dem Casbah Coffee Club, begann alles.

J-O-H-N. Vier Buchstaben in schwarzem Holz. Es war, bevor Lennon zur Legende wurde, als er seine Signatur an die Wand des Clubs am Haymans Green ritzte. Als er Halbmonde, Sterne, Rauten, Hexagone an die Decke malte. „So stellte er sich aztekische Kunst vor“, sagt Roag Best und lacht. Es ist nicht das einzige Gemälde im Keller: Die Regenbogendecke von McCartney, die Silhouette von Lennon, gemalt von seiner ersten Frau Cynthia Powell, der Sternenhimmel im Star Room ziehen Jahr für Jahr tausende Touristen an.

Es war im Sommer 1959 als McCartney, Lennon und Harrison gemeinsam mit Ken Brown bei der Eröffnung des Casbah Coffee Clubs spielten. Noch nicht als Beatles, sondern als The Quarrymen. Mona Best hatte die Halbstarken engagiert. Ihr Sohn Pete wurde später erster Schlagzeuger der Beatles; 1962 löste ihn Ringo Starr ab.

Es sind nicht nur die alten Gebäude, die Geschichten erzählen. Lee Curtis sitzt an einem Tisch in der Lathom Hall an der Mersyside, wo die Beatles zwischen 1960 und 1962 zehnmal auftraten. Vor ihm liegt eine Mappe mit alten Fotos. Damals, in den Sechzigern, als er mit schwarzer Mähne und Schmollmund als junger James Bond hätte durchgehen können, trat er mit seiner Band Lee Curtis and the Allstars in Hamburg auf – wie die Beatles, die in der Hansestadt ihren Durchbruch hatten. „Die beste Zeit meines Lebens“, sagt Curtis in fließendem Deutsch.

Freda Kelly betreute zehn Jahre den Fanclub der Band. Als die Beatlemania weltweit losbrach, kümmerte sie sich um die Briefe, die der Postmann irgendwann säckeweise brachte. Jede Autogrammkarte ließ sie persönlich von den Burschen unterschreiben. Wenn Paul, John, George und Ringo sich beim Friseur ihre Pilzköpfe schneiden ließen, war sie dabei, um Strähnen zu sammeln – für Fans. „Ich habe genau aufgepasst“, sagt sie und lacht. „Mir war immer wichtig, dass die Fans die echten Haare bekommen.“ Sie verstand die Hysterie: „Ich war ja selber Fan.“ Für die Irin gibt es bis heute keine Band, die an die Beatles heranreicht.

Wenn die Menschen jetzt im Empire Theatres bei fast jedem Song mitsingen und tanzen, zeigt das, dass es nicht nur Kelly so geht. Und es spricht für die Show. Im ersten Teil reist das Publikum zurück in die Sechziger und durch die Schaffensphasen der Musiker: von ihrem Auftritt bei der Royal Variety Performance bis zum letzten Studio-Album „Abbey Road“. Michael Gagliano (Lennon), John Brosnan (Harrison), Emanuele Angeletti (McCartney) und Ben Cullingworth (Starr) überzeugen als Fab Four und reißen das Publikum mit. Gleich zu Beginn mit „She loves you“, aber auch bei „Come together“ „I feel fine“, „Twist and shout“ bleibt niemand sitzen. Im zweiten Teil begeistern nicht nur Klassiker wie „Hey Jude“ oder „Let it be“, sondern auch Solo-Hits. Als Angeletti mit viel Gefühl und Können „Blackbird“ anstimmt, erleuchten Smartphone-Lichter den Saal. Doch es wird in der zweiten Hälfte auch fantastisch: Anlässlich John Lennons 40. Geburtstag, den er kurz vor seiner Ermordung 1980 feierte, gibt es eine Reunion der Fab Four. Eine, die es nie gab. „Just imagine“ erscheint in leuchtenden Lettern an der Wand. Bei Lennons Solo wird es besonders deutlich: Wie schön es doch gewesen wäre.

„Let it be“

gastiert von 30. Oktober bis 4. November im Deutschen Theater München; Karten unter 089/ 55 234 444.

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