Alles auf Anfang

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Yael Ronen inszenierte an den Kammerspielen „#Genesis“

VON MICHAEL SCHLEICHER

Die Mutter aller Probleme ist ein Vater. Und der ist heillos überfordert, seine Nerven liegen irgendwo am Boden des Gartens Eden: „Bitte zeig’ mir ein Kind, das von seinem Vater ein Paradies bekommen hat“, herrscht er Adam an. „Du bist so verwöhnt.“ Nein, sie haben es nicht leicht miteinander, Gott und seine Schöpfung Adam (mit Eva ist’s noch vertrackter) – bereits vor der Schlange. Es ist verkorkst. Bis heute.

Doch warum? Die israelische Theatermacherin Yael Ronen will es wissen und geht in ihrer am Sonntag an den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Performance „#Genesis“ zum Beginn, zum „Starting Point“ zurück. Ihr gut 100 Minuten langer Abend (keine Pause) ist fabelhaft komisch, herrlich respektlos, mitunter entwaffnend klug und von poetischer Zartheit.

Nach „Point of no Return“ (2016) ist das die zweite Arbeit Ronens für das Haus an der Maximilianstraße. Erneut entwickeln die Regisseurin und ihre sechs Darsteller die Inszenierung aus einer scheinbar privaten Plauderei: Der Schauspieler Damian Rebgetz verkündet in einem Mix aus Stand-up, Publikumsbeschimpfung und Selbstparodie seinen Abschied von den Kammerspielen.

Der Anfang sei „vielversprechend“ gewesen – aber: „Sie haben mich nie reingelassen“, wirft er, der in Australien geboren wurde, den Zuschauern vor und zitiert: „Die Nebenrollen dürfen ruhig bunt sein. Aber wo sind die deutschen Schauspieler?“ Seine Kollegin Wiebke Puls dagegen will bleiben und „kämpfen für das, was wir haben“.

Gibt es den einen Moment, von dem an alles schiefgelaufen ist? Sei es an den Kammerspielen unter ihrem scheidenden Intendanten Matthias Lilienthal, sei es in den Biografien der Darsteller, sei es in der Geschichte der Menschheit? „#Genesis“ beleuchtet einen möglichen Startpunkt, blickt auf das 1. Buch Mose und reflektiert den Umgang mit der Schöpfung, das Geschlechterverhältnis, Neid und Gewalt aus heutiger Perspektive. Zudem geht es hier um Genderfragen und Queerness.

Dafür hat Wolfgang Menardi die Erde als Scheibe (also doch!) gebaut. Sie dreht sich und verändert immer wieder ihren Winkel. Einen wirklich sicheren Standpunkt gibt es nicht – nicht für die Schauspieler, schon gar nicht bei den Antworten auf die Fragen, die sie verhandeln. Über dem Erdenkreis schwebt ein weiterer, der das Treiben unten spiegelt. Diese göttliche Perspektive erlaubt einen Blick auf die Menschlein wie in einer Petrischale, vom Spermium, das umherflitzt, bis zum Erwachsenen. Zugegeben, das hat etwas von einem wissenschaftlichen Experiment, wenngleich einem sehr unterhaltsamen.

Immer wieder ergeben sich traumhaft schöne Bilder auf der visuell beeindruckenden Bühne. Hier wagen die sechs Darsteller einen Parforceritt durch die Genesis: vorbei an Adam, Eva, Lilith, dem Sündenfall, Kain und Abel – stets bemüht, „das Loch zu erklären zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nicht wissen können“.

Mit Tempo und Witz geht es um die Einsamkeit Gottes („Er kann nicht einmal nach Hause gehen, weil er schon da ist.“), um patriarchale Strukturen im 1. Buch Mose („Ganz offensichtlich hat er ein Problem mit Frauen.“), um die alternativen Schöpfungsmythen der Japaner und Ägypter. Gespielt wird das von einem hochengagierten Ensemble, aus dem neben Rebgetz und Puls vor allem Zeynep Bozbay mit einem derben, aber wahrhaftigen Solo als Lilith, Adams erster Frau („Ich hatte Text, ganz ehrlich. Er hat alle meine Szenen rausgekickt.“) und Samouil Stoyanov als eifersüchtig-einsamer Schöpfer herausstechen.

Mit ihrem Netz aus klugen Pointen und schlichten Kalauern, das Ronen über die Genesis wirft, fängt die Regisseurin immer wieder berührende Momente und starke Gedanken ein. Wie in vergangenen Inszenierungen nutzt sie dafür – tatsächliche oder behauptete – Bezüge auf die Biografien ihrer Darsteller. Das erklärt den Hashtag im Titel der Produktion: „#Genesis“ versammelt eben auch persönliche Geschichten von Anfang und Ende, vom Ringen mit dem Glauben.

Schließlich verschwindet via Videoprojektion das Bild des Schöpfers, wie Michelangelo ihn in seinem Fresko „Die Erschaffung Adams“ gemalt hat, in einem Schwarzen Loch. Ihm folgt: die Schöpferin, eine dunkelhäutige Frau, gezeichnet in gleicher Pose wie der bärtige weiße Mann auf der Decke der Sixtinischen Kapelle. Es bleiben: die Menschen. Ratlos? Hoffnungsvoll? Allein. Einige wenige Buhs für die Regie; langer, heftiger Applaus.

Nächste Vorstellungen

am 5., 12., 15. November; Telefon 089/ 233 966 00.

Es ist Ronens zweite Arbeit für die Kammerspiele

Auf den Schöpfer folgt eine Schöpferin

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