Die Geister der Moderne

von Redaktion

Das Lenbachhaus zeigt „Weltenempfänger – Georgiana Houghton, Hilma af Klint, Emma Kunz“

VON SIMONE DATTENBERGER

„Mein  Bildwerk ist für das 21. Jahrhundert bestimmt“, prophezeite die Schweizerin Emma Kunz (1892-1963). Und in der Tat wurden sie und ihre Kolleginnen Hilma af Klint (1862-1944) und Georgiana Houghton (1814-1884) nachhaltig von der (von Männern geschriebenen) Kunstgeschichte ignoriert. Es kann ja gar nicht sein, dass Bahnbrechendes von Frauen geschaffen wird. Erst jetzt, also im 21. Jahrhundert, rückt das Schaffen dieser Künstlerinnen nach und nach ins Interesse der Museen. So auch des Münchner Lenbachhauses. Seit Jahren kümmert es sich um vergessene Künstlerinnen – und verliert dabei nie die eigene DNA aus dem Auge.

Zu der passen eben Houghton, Kunz und af Klint wunderbar. Die „Blauen Reiter“-Hausheiligen, so sie das Ungegenständliche anstrebten, bauten nämlich ihre Abstraktion auf eine geistige, ja spirituelle Bezugsgröße. Sie wollten das Nichtsichtbare sichtbar machen. Genau darum ging es den drei Frauen, wohlgemerkt unabhängig voneinander, ebenfalls. Sie bezogen ihre Legitimation aus der damals angesagten und oft durchaus präzise forschend betriebenen Beschäftigung mit Spiritismus und Okkultismus. Was für uns Heutige irritierend ist: Das schließt die Naturwissenschaften nicht aus. Deswegen gingen die Künstlerinnen dem Phänomen gründlich nach, das ihnen allen begegnet ist. Geister oder die Natur hätten Kontakt aufgenommen und durch sie gemalt oder gezeichnet. Jede behauptete, Medium gewesen zu sein. Deswegen nennt das Lenbachhausteam seine Ausstellung im Kunstbau auch „Weltenempfänger – Georgiana Houghton, Hilma af Klint, Emma Kunz“.

Kuratorin Karin Althaus will indes nicht nur verschollene Künstlerinnen aufwerten, sondern weit Wichtigeres: Die Kunstgeschichte der Moderne sei sehr verengt dargestellt worden, man sei mit dieser Schau dabei, die notwendige Dehnung vorzunehmen. Daher werde es zum Begriff „mediumistisches Malen“ Ende Januar 2019 ein Symposion geben. Wer glaubt, die Aufmerksamkeit würde sich nicht lohnen, weil die Werke wohl nur verschwurbeltes Wischiwaschi zeigen könnten, wird in der Schau eines erfreulich Besseren belehrt. Selbst wer nicht glauben mag, dass hier höhere Mächte gewirkt haben, kann sich an guten, raffinierten und teils exzellenten Bildern freuen.

Obwohl sie nicht die Älteste ist, macht im dezent akzentuierenden Kunstbau-Arrangement Hilma af Klint den Auftakt. Die professionelle Malerin erhielt 1906 den „Auftrag“ von Geistern für Tempel-Gemälde. Sie geriet in einen wahren Schaffensrausch, der nach fast 200 Gemälden endete. Wobei, „Rausch“ ist das falsche Wort. Was wir sehen, ist ein klarsichtiges, Forscher-waches Deklinieren künstlerischer Möglichkeiten. Es werden Formen, Flächen und ihre Beziehungen genauso durchgespielt wie Symbole. Kreuz, Herz, Blume, Schwan, Liebespaar, heiliger Georg sind eingebettet in Ornamente. Sie speisen sich aus Geometrie und schematischen botanischen Zeichen.

Ornament und Natur sind ebenfalls der Urgrund von Houghtons wundervollen Wasserfarben-Blättern. Auf der Rückseite dieser (Elektro-)Wellen-Zaubereien hat sie den jeweils bestimmenden Geist, etwa „Blume von Helen Butler“, und die Bedeutung dokumentiert. Emma, als Einzige nicht Malerin, sondern Heilpraktikerin, hält sich ganz eng an die Geometrie – und die Führung ihres Pendels. Sie registriert damit Energieströme der Natur. Auf Millimeterpapier entsteht ab 1938, was später als Op Art berühmt wurde. Hier verbinden sich verblüffend ungewollter künstlerischer Durchbruch mit Deko und Design.

Eine pfiffige Ergänzung dazu sind die Experimentalfilme mit Klang oder Jazz von John und James Whitney sowie Harry Smith. Auch sie spielen mit Natur(-wissenschaft), Zufall und dem Spaß an neuen Apparaten.

6. November bis 10. März,

4.11., 19 Uhr, Eröffnung für jeden zugänglich; Di. 10-20, Mi.-So. 10-18 Uhr;

Katalog, Hirmer: 32 Euro.

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