Wer Jonathan Meese kennt, und sei es auch nur von einem Foto, wird ihn gleich an Haltung und Körpersprache identifiziert haben. Er steht oben auf der Treppe, die von der Rotunde der Münchner Pinakothek der Moderne östlich hinaufführt. Der winkende Mann, der sich über jeden einzelnen Besucher zu freuen scheint, wird optisch zwar von Olaf Metzels Installation „Reise nach Jerusalem“ bedrängt, aber das ficht ihn überhaupt nicht an. In der Bronzefigur verschmilzt Meese sich selbst mit Captain Sparrow und einem Cowboy. Und dieser skurrile Männertraum trägt obendrein noch Seepocken und dergleichen, als wäre er als Statue einst mit einem antiken Schiff untergegangen. Jetzt jedoch lädt er ein in die Traumwelt seines Schöpfers, die in der Ausstellung „Die Irrfahrten des Meese“ zu entdecken ist.
Die Kuratoren Bernhart Schwenk und Swantje Grundler haben sich vor einem Jahr mit dem Berliner (Jahrgang 1970) zusammengetan, um „eine konzentrierte Retrospektive“ zu entwickeln, wie die Kunsthistorikerin berichtet. Und Schwenk betont, dass es um die Frage ging: „Wie zeige ich diesen Kosmos?“ In der Tat gerät der Betrachter in ein Assoziationsgewitter. Es gibt ungeheuer viel zu entdecken: von malerisch eingearbeiteten Unterhosen und Puppenköpfchen über Farbwülste und Fotoschnipsel bis hin zu Zeichen, Ornamenten und Fantasiegestalten. Das und noch mehr stürzt von großformatigen Bildern simultan auf einen zu – und/oder prasselt aus der Gesamtschau.
Jene Bilder sind beinahe Wandmalerei; richtige Bodenmalerei, aufgedruckt auf Stoff, gibt die Groborientierung für die Besucher. „ZIEL SETZUNG KUNST“ prangt in der rot ausfließenden Mitte, dicke schwarze Pfeile führen zu „LIEBE“ oder „CALIGULA“. Jonathan Meese packt sich stets Mythen unserer westlichen Zivilisation – zwischen Western und „Odyssee“ –, um mit ihnen Gut und Böse zu erfassen. Er verfolgt konsequent seine Idee, diese Gegensätze aufzuheben. Und das funktioniert bei ihm nicht durch Religion oder Philosophie, sondern in seiner Kunst. All das wird nicht schwerblütig serviert, nicht mit bildungsbürgerlicher Arroganz, Meese tänzelt vielmehr ungeniert in der anarchischen Zone zwischen Ernst und Blödsinn.
Das freie Spiel der Möglich- und Unmöglichkeiten trägt ihn dabei. Ob er nun kleine Installationen aus Spielzeug und Abfall bastelt (2006 bis 2014), die wie Bühnenbilder wirken, ob er Fotos zerschneidet und zu neuen Gesichtern zusammenklebt (2003), ob er sich vom Bleistift und von Farbzufällen führen lässt (1990er-Jahre), jetzt in der Pinakothek der Moderne kann der Betrachter nachvollziehen, dass sich das alles wirklich zu einem „Kosmos“ fügt. Zu dem natürlich seine Bücher „Die Monosau“ und „Marshall Marshallson IV“ gehören. Ergänzt wird dieser Œuvre-Überblick durch eine Performance-Aufzeichnung und ein Künstlergespräch am 13. Dezember, 18.30 Uhr, das sicherlich ebenfalls zur Performance gerät. Meese selbst ist ja wahrscheinlich sein wirkmächtigstes Kunstobjekt.
Wenn er da ist, zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich. Das haben seine Arbeiten freilich nicht verdient. Die Gemälde kombinieren die Intensität, Körperlichkeit und Freiheit von Art brut mit der Signalhaftigkeit und Liebe zum Populären von Graffiti. Die Bilder sind meist in Linie und Farbigkeit sensibel, ausgewogen und malerisch wohldurchdacht. Dass das Feinfühlige durch vielgeübtes Zeichnen bestens trainiert wurde, merkt man den Arbeiten an. Deren Erweiterung in Sprache, Typografie, Worterfindung eröffnet dem Betrachter-Leser weitere „Irrfahrten“, die er miterleben kann – wenn er Lust dazu hat.
Bis 3. März 2019,
Di.-So. 10-18 Uhr; Telefon 089/ 23 80 53 60; Katalog, Verlag Walther König: 12,80 Euro.