Bestialisch gut

von Redaktion

„Die Schöne und das Biest“ gastiert im Deutschen Theater München

VON MALVE GRADINGER

Ein Prinz wird wegen seiner Kaltherzigkeit in ein scheußliches Monster verwandelt. Erst das Mitgefühl, die Zuneigung einer jungen Frau kann ihn von diesem Schicksal erlösen – so ein jahrhundertealter französischer Sagenstoff. Ach, wie wir solche gruselig-herznahen Märchen lieben! Und wenn sie obendrein mit so viel szenischer Fantasie, mit so viel Humor inszeniert sind wie „Die Schöne und das Biest“ vom Budapester Operettentheater, gerade zu Gast im Münchner Deutschen Theater, haben wir für hundertsechzig Minuten die Welt draußen total vergessen.

Das Budapester „Biest“-Musical war schon einmal hier. Aber jetzt erst nimmt man so richtig wahr, wie viel liebevolle Detailarbeit in Inszenierung, Ausstattung und Lichtdesign steckt. Regisseur György Böhm und sein Team hatten ja nicht die Möglichkeiten von Jean Cocteaus poetischer Schwarz-Weiß-Verfilmung „La Belle et la Bête“ (1946) und schon gar nicht die des Disney-Musicalfilms „Beauty and the Beast“ (1994). Durch geschickte Abdunkelung, diverse Hänger und sanfte, von oben herabstrahlende und sich überlagernde Lichtkegel geht es jedoch zügig vom Dorf der Außenseiterin Belle durch einen von bösen Wölfen beherrschten Wald zum Schloss des Prinzen. Und dort drehen sich „gothic“-düster verschnörkelte Wendeltreppen; täuschen so bestens auf zwei Etagen ständig andere Gemächer vor, die das haarige Ungeheuer mit seinen (verstärkten) blechern rasselnden Tierlauten rastlos durchstreift.

Ganz so gut funktionierte leider die restliche Tontechnik nicht. Das Orchester spielt dieses Alen-Menken-Musical sicher besser, als es teilweise aus dem Graben klingt. Oft sind auch Howard Ashmans Songtexte nicht zu verstehen. Zu schade, denn singen können alle wunderbar, jeweils fein abgestimmt auf ihre Rollen: im Zentrum „Belle“ Kitti Jenes, „Biest“ Sándor Barkóczi und Attila Németh als überheblicher Nebenbuhler-Macho Gaston.

Stimme mit Spielwitz zu verbinden, versteht ganz hinreißend das ebenfalls verwunschene Schlosspersonal: Die in einer alten Kommode gefangene und wendig umherrollende Madame de la Grande Bouche, die Teekannen-Dame mit Söhnchen Tass-ilo; Babette, die mit dem zum Kerzenhalter verwunschenen Lumière flirtet. Adám Bálint flirtet zurück mit waschechtem französischem Akzent und Maurice-Chevalier-Verführungscharme. „Haushofdiener“ Ottó Magócs, in eine Salon-Uhr verwandelt, achtet jedoch auf strenge Schlossregeln. Trotz seines ausdrücklichen Kuss-Verbots: zum Küssen – alle! Wie sie bemüht sind, den Prinzen und Belle zusammenzubringen, weil ja auch sie damit vom Fluch erlöst wären, das ist eine Komödie für sich. Im Netz bekämen sie mindestens zehntausend „Likes“. Und uns trifft ihr wiederholter Stoßseufzer „Endlich wieder Mensch sein!“ Kurz: Dieses Musical ist einmal eine moralische Geschichte über äußeren Schein und innere Ehrlichkeit und zugleich ein Theatervergnügen mit Happy End, Hochzeitsfeier, auf der auch die Teller und Bestecke tanzen. Richtig altmodisch – aber richtig schön.

Weitere Vorstellungen

bis 16. Dezember;

Telefon 089/ 55 234 444.

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