Rasierklingen-Ritt

von Redaktion

Slayer verabschieden sich vor 11 000 Fans in München

VON ULI HEICHELE

Liebe Leser, Sie könnten jetzt eine Rasierklinge in die Hand nehmen. Dann beginnen Sie, Ihren Küchentisch damit zu bearbeiten. Tief, zügig und exakt ziehen Sie Linien durch den Lack und das Holz. Bis am Ende ein präzises Muster entstanden ist, quer über die Tischplatte. Jetzt kann man entscheiden, ob das nur Zerstörung ist – oder Kunst mit Seelengewalt.

Am Donnerstag ist das – in musikalischer Form – in der Olympiahalle passiert, als Slayer ihr letztes Konzert in München spielten. Slayer, eine Band, die viele schaudern lässt – wegen der Brutalität ihrer Musik, die deutlich härter ist als beispielsweise die von Metallica, vor allem aber wegen ihrer Reinheit und Tiefe. Das ist Kraft, das ist Tempo, das ist Schärfe, das ist Unerbittlichkeit – und vor allem: Das ist diese unglaubliche Präzision. Slayers Musik ist wie eine Rasierklinge.

So passt es auch, dass Tom Araya (Bass, Gesang), Kerry King (Gitarre), Paul Bostaph (Schlagzeug) und Gary Holt (Gitarre) ihr Programm kurz vor halb zehn mit „Repentless“ („Keine Reue“) starten. Über den Vorhang tanzen umgedrehte Kreuze und Pentagramme, das Spiel mit dem Satanismus gehört seit jeher zur Band. Oft ist darüber diskutiert worden, ob das Fans verführt und zerstört. Am Ende bleibt aber: Frontmann Araya ist gläubiger Katholik. Er sagt: Jeder Mensch vereint zwei Seiten – und Slayer lebt die böse aus.

Deren Wucht ist unglaublich. Rund eineinhalb Stunden jagen die US-Amerikaner ihre Klassiker durch die Verstärker. Ballern ein giftiges „Mandatory Suicide“ in die Menge, treiben den Puls mit einem Höchsttempo-„Payback“ ans Limit. Und tauchen mit einem urgewaltigen „Seasons in the Abyss“ in die Untiefen der Seele. Alles ist dabei, was die Fans hören wollen: „South of Heaven“ mit seinen schaurig-schiefen Harmonien, „Raining Blood“ mit aller Energie und „Angel of Death“ zum Abschluss eines Vollgas-Konzerts.

Die rund 11 000 Zuschauer wirkten nicht, als hätten sie etwas bereut. Ein grandioser Thrash-Metal-Abend auch wegen des knallharten Vorprogramms mit Obituary, den nimmermüden Anthrax (mit Pantera-Samples!) und den unglaublich druckvollen Lamb of God. Vor allem aber wegen Slayer, dieser brutalen Riff-Maschine. Schön, diese Rasierklinge ein letztes Mal erlebt zu haben.

Artikel 5 von 6