Den Abschluss der dreiteiligen Jubiläumsausstellung „Generations. Künstlerinnen im Dialog“ einen Paukenschlag zu nennen, klingt vielleicht zu wenig weiblich. Aber warum nicht? Stellt man nach diesem Schlag doch fest, dass Ingvild Goetz mit den zahlreichen weiblichen Positionen zeitgenössischer Kunst in ihrer 25 Jahre jungen Münchner Sammlung ein ganzes multimediales, internationales Orchester aus 80 Jahren bespielen kann.
Deren Paukenschlägerin Geta Brˇatescu konnte der Besucher bereits im ersten Teil der Schau erleben. Nun gibt die am 19. September verstorbene rumänische Konzeptkünstlerin mit ihren kleinformatigen Papierarbeiten voller narrativer Tiefe still, ja aus dem Hintergrund den Takt an. Ihre Aquarell- und Kohlezeichnungen – einige mit geschlossenen Augen geschaffen – bieten einen sinnlichen Höhepunkt der Ausstellung.
Wer Brˇatescu zuletzt auf der Biennale 2017 oder der documenta 14 bewundert oder verpasst hat, kann sich in der Sammlung Goetz der Eindringlichkeit ihrer Werke, ob im Abstrakten verspielt oder nachdenklich im Figurativen, vergewissern. Geta Brˇatescus beeindruckendes Porträt mit mechanischer Schreibmaschine, „Mrs. Oliver in her travelling Costume“, ist eines von sechs fotografischen Selbstbildnissen im unterirdischen Übergang zum „Base 103“.
Hier versammeln sich einige Solistinnen der Schau zu einem beeindruckenden Quodlibet: die „Young British Artists“-Künstlerin Tracey Emin, die sich 1995 ins Monument Valley auf Selbsterkundungstour begab und genauso selbstironisch 1997 mit einer Box voller Unterwäsche einem liebevoll bestickten Liebesleben Ausdruck verlieh. Auch die Selbstdarstellungsprofis Cindy Sherman (bei der Arbeit) und Gillian Wearing (als dreijähriges Mädchen) sind unter den so heterogenen Fotos. Sam Taylor-Johnson inszenierte sich als Mutter Gottes in einer modernen Pietà. Dies ist nicht ihr einziges kunsthistorisches Zitat: Im Raum, den die Schau dem Stillleben widmet, zeigt sie die Vanitas als Farbfilm.
Sarah Lucas schließlich fotografiert sich in männlicher Pose mit zwei Spiegeleiern auf der Brust. Im großen Raum der Fabelwesen im Untergeschoss, den sie mit ihrer Drachenskulptur aus Zigaretten anführt, hängt auch ihre großformatige Siebdruck-Tapete „Tits in Space“. Alltagsgegenstände werden bei ihr sexuell aufgeladen zwischen Komik und Derbheit.
Das Selbstbild und das Rollenbild der Frau – immer wieder nimmt es im Werk der ausgestellten Künstlerinnen vielgestaltig Platz ein: ob als Chimären (Brˇatescu), als Sphinx mit vielen Geschlechtern (Louise Bourgeois), als geheimnisvolle Federwesen (Roni Horn), als „man being a woman“ (Diane Arbus) oder als Fan der weiblichen Ikone Brigitte Bardot (Rosemarie Trockel). Dabei webt die Ausstellung ihre Künstlerinnen-Dialoge auf unterschiedliche, immer spannende Weise: Was im Obergeschoss in Abstraktion und Material beginnt (etwa in den gestrickten Parallelen zwischen Louise Bourgeois und Rosemarie Trockel), verdichtet sich im Untergeschoss zu vier inhaltlichen Themenkomplexen und mündet im „Base 103“ in unmittelbaren, starken, weiblichen Emotionen. Daran haben vor allem die Skulpturen Kiki Smiths großen Anteil. In geheimnisvoller Komplizenschaft bewacht ihr kindlicher „Guard“ das von Geborgenheit ausgeschlossene Kind in Dominique Gonzalez-Foersters berührender Installation „Petite“.
Das Fazit der „Generations“ ist letztlich eine einzige weibliche „Generation“: die nämlich, in der die Sammlerin und das Kuratoren-Team des Hauses über 50 Künstlerinnen mit über 200 ihrer Arbeiten vereint hat. Zu sehen ist dies bis Anfang April – danach schließt das private Sammlerhaus, das Ingvild Goetz 2014 dem Freistaat geschenkt hat, seine Türen für Instandhaltungsmaßnahmen bis Ende 2019.
Bis 6. April,
Do.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 11-16 Uhr; Eintritt frei; Oberföhringer Straße 103,
Besuch nur nach Anm. unter Telefon 089/ 95 93 96 90.