Steine im Brett

von Redaktion

Besuch in der „Wunderkammer“ der Mayer’schen Hofkunstanstalt

VON KATJA KRAFT

Ein bisschen war’s wie eine rituelle Reinigung. Weg mit dem Nazi-Schleier. Petra Mayer erinnert sich noch gut an diesen Sommertag, als sie und ihr Mann Michael entschieden, Gold zu waschen. Viel Gold. Säckeweise hatte ihre Firma, die Mayer’sche Hofkunstanstalt, in den Sechzigern das edle Material gekauft. Von der Deutschen Glasmosaikanstalt Puhl & Wagner, die insolvent gegangen war; doch in ihrem Keller lagerten noch Unmengen sogenanntes „deutsches Gold“. Gedacht für eine Auftragsarbeit im Reichstag. Aus der wurde genauso wenig wie aus Hitlers Endsieg. „Die Goldsteinchen waren zum Teil schon auf Papier gezogen und für die Arbeit vorbereitet. Irgendwie dachten wir: Das muss jetzt mal weg“, erzählt Mayer, ein Wirbelwind von einer Frau.

Die studierte Architektin führt mit ihrem Mann die Hofkunstanstalt an der Münchner Seidlstraße. Außen schnörkellose Fassade, doch innen? Auf 5000 Quadratmetern tut sich eine lichtdurchflutete Wunderwelt auf. Die Mayers: ein Leben wie im Mosaik. Petra Mayer wirbelt zum Lastenaufzug. Der fährt über fünf Stockwerke. Oben wohnt sie mit ihrem Mann und den zwei Söhnen; dann: Künstler-Appartments, Lager-Räume, Werkstätten. Doch wenn man Petra Mayer durch dieses Labyrinth aus Schönheiten folgt, immer bemüht, ihren flotten Schritt zu halten, weiß man nie so ganz genau, wo das Private aufhört und die Arbeit beginnt. Weil es da keine Grenzen gibt.

Die Kunst ist ihr Leben. Kein Raum, der nicht davon geprägt ist. In der Küche, wo sie „hippiemäßig ohne Sieb“ schnell einen Tee kocht, ein Regal voller alter Auftragsbücher; im Flur ein zauberhafter Mosaiktisch. Ein Stockwerk tiefer ein Porträt der Söhne, gefertigt aus vielen bunten Steinchen. Stundenlang kann man hier herumstreunen – und würde doch nicht alles sehen. So vielfältig ist das Angebot des Betriebs, der seit 171 Jahren Glas- und Mosaikkunst fertigt.

„Wir fragen uns immer, wie wir dieses alte Schlachtschiff ins Hier und Jetzt überführen können. Die Gratwanderung: das Traditionelle ernstzunehmen, die alten Techniken zu bewahren, doch auch Grenzen zu sprengen und den Transfer in die heutige Zeit zu schaffen“, erklärt Petra Mayer ihren Anspruch. So fertigen und renovieren sie einerseits noch immer Kirchenfenster, besonders in den USA, wo im 19. Jahrhundert kaum eine Kirche ohne die Mitwirkung der Münchner auskam. „Wenn dort neue Kirchen entstehen, wollen sie immer Mayer-Fenster haben. Das ist toll, weil unsere Mitarbeiter auf diese Weise diesen Altstil trainieren können.“ Bei solchen Aufträgen müssen sie sich streng ans Protokoll halten. Dann wieder arbeiten sie an irrsinnigen Projekten wie dem von Vik Muniz. Der Künstler gestaltete eine komplette U-Bahn-Station in New York: 44 lebensgroße Mosaikfiguren, Stein für Stein in München gesetzt. Ein Meisterwerk.

Von dem man mit Glück ein kleines Stück erwerben kann. Denn an den Montagen im Dezember können Besucher (wichtig: nach Voranmeldung per E-Mail an wunderkammer@mayersche-hofkunst.de) in der „Wunderkammer“ vorbeischauen. Gemeint ist damit nicht das ganze Haus, sondern ein kleiner Raum gleich hinter dem Eingang. Wo früher der Pförtner saß, werden nun 17 wunderliche Werke zum Kauf angeboten.

Zum 170. Jubiläum hatten die Mayers, die in der internationalen Szene bestens vernetzt sind, 17 befreundete Künstler gebeten, ein Objekt zu entwerfen. Vik Muniz hat drei ikonische Details aus seiner New Yorker Arbeit in Miniatur in der Hofkunstanstalt fertigen lassen. Daneben filigrane aus Glas von Meistern wie Kiki Smith oder David Reed. So wird auf wenigen Quadratmetern deutlich, was technisch und künstlerisch mit diesem Werkstoff möglich ist, wenn die Hofkunstanstalt-Mitarbeiter und renommierte Künstler gemeinsam zaubern.

Da taucht es dann wieder auf, das „deutsche Gold“. Die Mayers haushalten gewissenhaft mit den Beständen. Michele Oka Doner etwa durfte es nutzen, um das Bild einer Heilpflanze als Mosaik zu fertigen. „Für ein Kinderkrankenhaus. Zudem ist sie eine jüdische Künstlerin. Mir gefällt, dass das Material dadurch eine Transformation erfährt“, sagt Petra Mayer. Von den Nazis für Propagandazwecke geplant, doch stattdessen heute für ein lebensbejahendes und Hoffnung bringendes Kunstwerk genutzt. Noch so eine schöne Wunderlichkeit.

Die Mayer’sche Hofkunstanstalt

Seidlstrasse 25, München; Tel: 089/ 5459 620.

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