Basisdemokratie

von Redaktion

Pianist Fazil Say im Herkulessaal

VON ANNA SCHÜRMER

Ob Fazil Say auf dem Christkindlmarkt in der Münchner Residenz vorgeglüht hat, ist nicht überliefert. Aber wie gelöst der türkische Pianist Beethovens fünftes Klavierkonzert im rappelvollen Herkulessaal zelebriert, könnte als Indiz gelten. Dieser Mutmaßung widerspricht allerdings die rasende Exaktheit, mit der Say (Foto: Bernd Thissen/ dpa) seine Tastenläufe hinlegt, während er die Camerata Salzburg gleichermaßen anführt und begleitet.

Nach dem kollektiven Eröffnungsakkord nutzt der Solist die einleitende Kadenz für einen frei parlierenden Exkurs und setzt dem strengen klassischen Satz seine sprudelnde Fantasie entgegen. Im Zusammenspiel mit dem Kammerorchester wird Fazil Say zum Primus inter Pares und dirigiert seine Mitspieler und sich selbst eigen- und einhändig durch die Tutti des Stücks.

Says Zusammenarbeit mit der kollektiv organisierten Camerata Salzburg ist folgerichtig: Ein freigeistiger Pianist trifft auf einen schwarmintelligenten Klangkörper. Die Zusammenarbeit könnte als eine Art aufgeklärter Absolutismus beschrieben werden, indem der Solist Themen, Tempi und Temperament vorgibt. Nach der Pause wird Mozarts 41. Symphonie zur basisdemokratischen Demonstration. Lediglich Konzertmeister Gregory Ahss nimmt eine herausgehobene Stellung ein, indem er die Kollegen durch die lebhaften, kantablen und tänzerischen Untiefen bis zum Fugen-Exzess im Finale führt. Lustvoll verzweigt sich hier das musikalische Kollektiv jenseits hierarchischer Strukturen: eine Vorführung, die schon ans Utopische grenzt.

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