Das Konzert hat noch nicht begonnen, da wabert schon Marihuana-Duft über die Köpfe im Zenith. Cypress Hill, deren ganze, knapp drei Jahrzehnte währende Karriere von einer großen grünen Wolke umhüllt scheint, lockern für eineinhalb Stunden sogar das strikte bayerische Rauchverbot. Von den restriktiven Cannabis-Höchstmengen für den Eigenbedarf ganz zu schweigen.
Ein beachtlicher Teil dieser zusehends entspannten Menge dürfte noch nicht geboren gewesen sein, als das latino-amerikanische Trio von der Westküste mit „Black Sunday“ 1993 den Durchbruch schaffte. In der Hall of Fame des Hip-Hop haben die Rapper B-Real und Sen Dog sowie ihr DJ Muggs nie jenen Thron erhalten, der ihnen eigentlich zustünde. Denn sie waren es, die Anfang der Neunziger Hip-Hop aus der Nische der Subkultur auf die Schulpartys auch in Oberbayern holten. Muggs produzierte damals „Jump around“, den inzwischen totgenudelten Klassiker der Freunde von „House of Pain“. In den Aufzählungen der Oldschool-Helden kommen Cypress Hill trotzdem nur selten vor. Deshalb erstaunt es, wie textsicher viele im Zenith bei den Zugaben „Insane in the Brain“ und „I ain’t goin’ out like that“ sind, beide ein Vierteljahrhundert alt. Sie machten die Band einst zu den ersten Stars der rasant wachsenden Gruppe der US-Latinos, neben Gloria Estefan vielleicht.
Das neue Album „Elephants on Acid“, das erste seit 2010, spielt beim 90-minütigen Auftritt nur eine Nebenrolle. DJ Muggs hat die Reise nach Europa nicht mit angetreten, stattdessen steht DJ Mix Master Mike (Beastie Boys) an den Plattenspielern. Viel prominenter kann ein Ersatz-DJ nicht sein. Er eröffnet den Abend mit einem sehr lauten, sehr wilden und etwas irritierenden DJ-Set. Erst als die Rapper die Bühne betreten, gewinnt der Abend an Fahrt. Auch mit 53 beziehungsweise 48 wirken beide so alterslos wie ihre Musik – trotz all der Drogen. Wobei der Sound ausbaufähig wäre. Die Musik von Cypress Hill verfügt auf der heimischen Anlage über so viel Bass, dass selbst der geduldigste Nachbar die Nerven verliert. In der Halle aber fehlen die tiefen Töne fast völlig, was der Musik ein wenig ihre Kraft raubt. Dem Publikum ist das egal. Es tanzt und raucht, bis auch bei Nichtrauchern am nächsten Morgen noch der Kapuzenpulli stinkt. Es ist fast wie 1993.