Das Lach-Gewerbe neigt zur Ungerechtigkeit. Da tingeln brillante Kabarettisten jahrelang über die Dörfer, bis sie es irgendwann ins Münchner Lustspielhaus schaffen, oder sogar in den Circus Krone. Die krachlauten Comedy-Kollegen müssen dagegen nur ein, zwei Jahre bei RTL Witze erzählen – und schon ist die Olympiahalle ausverkauft, so wie jetzt bei Chris Tall. Der erst 27-Jährige aus Hamburg ist ein amüsantes Kerlchen mit viel Talent, aus dem er wenig macht – weil das wenige ja offenbar genügt. Und so feierte er mit 9000 Fans (auch dank günstigem Einheits-Kartenpreis von 35,65 Euro) zwei Tage vor Heiligabend Münchens größtes Schlichterfest.
„Und jetzt ist Papa dran!“ heißt sein aktuelles Bühnenprogramm, was aber keine Rolle spielt. Denn Chris Tall live – das funktioniert eh immer gleich: „Ich dick, Du Kevin!“ Also: Standardwitzeln übers eigene Schwergewicht und übers eigene Publikum. Motto: „Weiß Dein Heimleiter, dass Du hier bist?“ Oder, wenn’s ganz schlimm läuft, über Frauen, die „mit ihrem Gesicht verhüten“.
Dabei hätte Tall durchaus Mutterwitz – was man merkt, wenn er spontan auf Zurufe reagiert, oder wenn er hingebungsvoll das Wort „Hasenbergl“ seziert. Doch das sind Ausnahmen. Wenn Chris Tall prustend erzählt, wie er im veganen Restaurant ein Schnitzel bestellt (höhöhö!) – dann möchte man fast wetten, dass er alte, ausrangierte Gags von Oliver Pocher en gros aufgekauft hat. Fazit: RTL-Humor für Tage, an denen einem Mario Barth zu vergrübelt ist, oder Atze Schröder zu tiefschürfend.
JÖRG HEINRICH