Am CD-Stand im unschuldig weißen Foyer herrscht noch die alte Zeit. Brahms-Symphonien, Wagner-Opern, alles unter der Leitung jenes Mannes, der vor einigen Monaten vom Thron entfernt wurde. Hier, gepresst (und irgendwie domestiziert) auf Silberscheiben, ist Gustav Kuhn noch präsent. Und es sind nicht die letzten Überbleibsel eines Mannes, der wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe und finanzieller Unregelmäßigkeiten Erl nicht mehr dominieren darf. Denn drinnen, zum Auftakt des aktuellen Winterfestivals, wird – ein einziges und vielleicht letztes Mal – die von ihm eingefädelte „La bohème“ gespielt. Verantwortlich fürs Szenische ist „Furore di Montegral“. Ein Kollektiv, das sich einst um den mittlerweile Geschassten formierte.
Erstmals also seit der Feuertaufe im Jahre 1998 gehen die Tiroler Festspiele ohne ihren Gründer über die Bühne. Das ist, hört man diesen Abend, nicht schlimm, im Gegenteil. Interims-Intendant Andreas Leisner hat hoch gegriffen und Paolo Carignani verpflichtet. Der ist in so ziemlich allem der Kontrast zu Kuhn. War Letzterer auf souveräne, auch abgebrühte Handwerkskunst bedacht, ist Carignani ganz Motivator, Animateur, Verführungskünstler. Auch wenn das Geschehen in jeder Sekunde unter Kontrolle bleibt, scheint dieser Mann jeden einzelnen Instrumentalisten freundlich zum Spielen einzuladen.
Das Ergebnis: Das Tiroler Festspielorchester musiziert, als habe es eine Therapie hinter sich. Die Klangkultur und die Homogenität kannte man schon von diesem Ensemble, das sich hauptsächlich aus weißrussischen Musikern zusammensetzt. Was nun hinzugekommen ist: eine wachsweiche Flexibilität, eine Gespanntheit, eine Reaktionsstärke, eine Spiellust, die den Abend zum großen Hör-Kino macht. Das passt, weil es szenisch nicht furchtbar viel zu vermelden gibt.
„La bohème“ ist als Stück so unkaputtbar, dass auch Erl davon profitiert. Stimmt die musikalische Fraktion, funktioniert es zur Not fast ohne Dekoration. Die Tiroler bleiben allerdings bei ihrem geschmacklich grenzwertigen Wolken-Zimmer von Rodolfo & Co. Der Schlagbaum nebst Grenz-Schild „Erl, 12 km“ im dritten Bild ist ein hübscher Einfall. Und dass dem Chor noch immer keiner die rhythmischen Bewegungen zur Musik ausgetrieben hat, eine Bühnentodsünde.
Solistisch kann die Aufführung locker mit anderen Häusern konkurrieren. Nicola Ziccardi (Marcello), James Roser (Schaunard) und Daniele Antonangeli (Colline) geben glaubhaft und vokal ausgezeichnet die auch in der Armut munteren Bohèmiens. Lada Kyssy als Mimì kann sich mit manchmal frostigem Sopran gut gegen das große Orchester durchsetzen. Maria Novella Malfatti ist keine hysterisch-überdrehte Musetta, sondern fast eine Mimì-Konkurrenz. Iurie Ciobanu singt mit lyrischer Erziehung und kraftvoll aufblühendem Tenor einen Rodolfo aus dem Puccini-Musterbuch.
Dass ein paar Plätze leer bleiben, überrascht bei diesem Schlager – vielleicht grollen die Kuhn-Jünger. Und es geht ja weiter, auch mit Ambitioniertem. Eine kleine, aber sehr sehenswerte Ausstellung im Foyer erzählt von Liesl Karlstadt, von einem Leben zwischen Publikumsliebe und Tragik. Die heutige Uraufführung „Stillhang“ will das alles in die Form eines Musiktheaters bringen. Dazu gibt es noch Bellinis „La sonnambula“ (unter Friedrich Haider) und die Rossini-Entdeckung „L’occasione fa il ladro“ (unter Patrick Hahn) plus Konzerte. Für Ostern kündigt Andreas Leisner eine „Parsifal“-Wiederaufnahme an, Dirigent noch unbekannt. Die „Bohème“ hat schon mal gezeigt: Es funktioniert auch ohne Kuhn.
Informationen:
Die Festspiele dauern bis 6. Januar; Näheres zu den weiteren Opernpremieren und den Konzerten unter www.tiroler-festspiele.at.