Dokument einer Freundschaft

von Redaktion

Bachmanns und Enzensbergers Briefe – Buchpräsentation in München

VON ALEXANDER ALTMANN

An Weihnachten 1959 versuchte sich Ingeborg Bachmann als Hausfrau: „Ich habe (…) unter grossen Anstrengungen ein Huhn gebraten und einen Fisch im Sud gemacht, lauter Premieren in der Küche (…) und ich bin so angespornt davon, dass ich mir ein Hasenragout für Silvester zutrauen möchte.“ Diese Mitteilung findet sich in einem Brief der Bachmann an Hans Magnus Enzensberger und lässt eine eher unerwartete Facette ihrer Persönlichkeit aufblitzen.

Denn man kann sich die fragile Lyrik-Diva, diese weibliche Ikone der jungen deutschsprachigen Nachkriegsliteratur tatsächlich nur schwer in der Küche vorstellen. Aber im weiteren Verlauf des Briefes wird unsere vertraute Vorstellung von der sensiblen Dichterin dann doch noch bestätigt: „…denn es geht uns natürlich nicht gut und es geht überhaupt nicht gut, trotz Engelhaar und Zimtsternen und auch trotz dem Prinz Hoffnung (Prinzip soll es heissen, das macht der Beaujolais.)“ Nicht nur Verzagtheit und Melancholie sind hier zurückgekehrt, auch der augenzwinkernd-heitere Tonfall hat (fast) wieder dem klangvollen Lamentoso Platz gemacht, das man an dieser Dichterin so schätzt.

Unter dem Titel „schreib alles was wahr ist auf“ ist jetzt der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Hans Magnus Enzensberger (1929 geboren) erschienen – das sensationelle Dokument einer Jahrzehnte währenden Dichterfreundschaft. Denn diese Korrespondenz aus den Jahren 1957 bis 1972 ist natürlich viel mehr als nur eine wichtige literaturgeschichtliche Quelle. Sie bietet großes Lesevergnügen und spannende Einblicke in das sehr menschliche Privatleben zweier herausragender Schriftsteller. So etwa, wenn man da auch Enzensberger von einer ganz ungewohnten Seite kennenlernt. Im Juni 1959 muss die Freundschaft der beiden während eines gemeinsamen Rom-Aufenthalts in eine kurze, heftige Liebesbeziehung umgekippt sein, und nach deren Beendigung schickt Enzensberger einige ekstatisch schmachtende Gefühlseruptionen an die Angebetete. Briefe, deren wunder Tonfall sich fundamental vom heiter-ironischen Durchblicker-Sound unterscheidet, der sonst ja das Markenzeichen seines privaten wie öffentlichen Schreibens ist: „seit deiner abreise steht die luft still (…) so also – sehr einseitig, warte ich, lausche, daß du mir etwas sagst, etwas mit mir teilst.“

Wer allerdings glaubt, dass das Poetenleben ein einziger Schaffensrausch ist, wird von dieser Korrespondenz gleichfalls eines Besseren belehrt. In vielen Briefen geht es um allerlei „bürokratische“ Details: um Zeitschriften oder Anthologien, die Enzensberger herausgibt, um Vorschüsse, um Querelen mit Verlagen. Aber all das ist zweitrangig angesichts der beiläufigen, spielerisch unangestrengten Sprachkunst, die man hier bewundern kann und die den Briefpartnern quasi unterläuft. So schreiben nur Menschen, die wissen, dass die eigentliche Mitteilung nicht im Inhalt steckt, sondern im Gestus, mit dem Wörter und Sätze auftreten.

Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger:

„schreib alles was wahr ist auf“. Suhrkamp/ Piper, 479 Seiten; 44 Euro.

Buchpräsentation: Am 9. Januar lesen Lisa Wagner und Michael Kranz im Münchner Literaturhaus; anschließend ein Gespräch mit Iris Radisch und Hubert Lengauer; Karten: 089/ 29 19 34 27.

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