Wie gehabt: Die Nazis fassen Anne Frank. Aber diesmal anders. Über den Algorithmus. Über die Umsätze, die mit einer Geldkarte und dem Handy in Amsterdam gemacht werden – und den Kalorienverbrauch, der sich aus den Einkäufen dieses Haushalts errechnet: Zu hoch, da müssen Leute versteckt sein. Die Deutschen finden sie, Heinrich Himmler ist live zugeschaltet. Man teilt ihm mit, dass da auch ein Tagebuch rumliege. Was tun damit? „Verbrennen Sie’s“, sagt Himmler.
Oder die Geschwister Scholl: Fliegen schon nach ihrem ersten Flugblatt auf, durch einen Abgleich der Handy-Bewegungsdaten rund um die Briefkästen, in denen sie ihre Drucke eingeworfen hatten. Diesmal sind die Nazis gnädig: dummer Streich dieser Jugendclique „Weiße Rose“, drei Jahre Haft. Und Georg Elser kommt gar nicht erst dazu, sein Attentat auf den „Führer“ auszuüben. Der Computer schlägt Alarm, weil er die Daten aus seinen diversen Überwachungen zur Schlussfolgerung verknüpft: Anschlag wahrscheinlich.
Wer die Geschichte des „Dritten Reichs“ so radikal umschreibt, ist Andreas Eschbach, der Großmeister des Was-wäre-wenn-Szenarios. Das Spiel mit den alternativen Entwicklungen zieht sich durch sein Werk. Was wäre, wenn plötzlich originale Filmaufnahmen vom Sohn Gottes auftauchten? „Das Jesus-Video“, packendes Buch, für ProSieben aber schlecht verfilmt. Wenn die fossilen Energien der Erde mit einem Schlag versiegten („Ausgebrannt?“)? Wenn wir über Maschinen wählen würden und diese manipuliert würden („Ein König für Deutschland“)? Oder ein junger Mann plötzlich über „Eine Billion Dollar“ aus Zinserträgen eines über Jahrhunderte gewachsenen Fugger-Kontos verfügen würde?
Eschbachs neuer Roman spielt mit der Idee: Was wäre, wenn das Hitler-Regime in den Dreißiger- und Vierzigerjahren bereits die technologischen, digitalen Möglichkeiten von heute gehabt hätte? Damit das nicht als bloße Spinnerei erscheint, verweist Eschbach darauf, dass bereits 1851 eine „Analytische Maschine“ erfunden wurde, zu betreiben aber mit Dampf. Wäre man in Energiefragen damals weiter gewesen… Die Grundlagen für eine Computerwelt sei im menschlichen Dasein immer schon verankert gewesen: „Mathematik funktioniert unabhängig von der Technik.“
Jedenfalls: Er verpflanzt die deutsche Geschichte in eine Welt, in der der „Komputer“, wie er schreibt, sich etabliert hat. Das Internet ist das „Weltnetz“, man tauscht sich aus im „Deutschen Forum“ (wohl Facebook), schreibt Elektropost, „Datensilos“ speichern die Informationen, Softwareentwicklerinnen heißen „Programmstrickerinnen“ (es ist ein Frauenberuf), Trolle, die die Diskussionen im Netz steuern, sind „Puppen“. Es gibt erste Experimente mit Gesichtserkennung an Bahnhöfen, die Menschen telefonieren mobil, mit ihrem Volkstelefon (Votel). Sie bezahlen mit Karte, denn es gibt kein Bargeld mehr. Das dient der besseren Kontrolle – durch ein geheimes Amt in Weimar: das NSA. Das ist auch der Titel des Buchs und die Verbindung klar. „Ja“, sagt Eschbach, „die Idee zu diesem Buch kam mir, als ich vom amerikanischen NSA hörte“. Von Edward Snowden, dem Whistleblower, der die Welt wissen ließ: Ihr werdet alle von uns abgehört – auch eure deutsche Kanzlerin. Eschbachs NSA ist das „Nationale Sicherheits-Amt“.
Andreas Eschbach, gebürtiger Ulmer, dessen schriftstellerische Karriere von Frank Schirrmacher, dem verstorbenem Herausgeber der „FAZ“, bis zur Bestsellerreife gefördert wurde, ist ein Autor mit Hang zum Trivialen. Es gibt immer auch ein wenig Sex in seinen Büchern und eine Liebesgeschichte; hier zwischen einer aufrechten Programmiererin und einem desertierten Soldaten. Doch in den klassischen Thriller-Erzählstrang bettet er seine wuchtigen Botschaften ein. Er wird als Science-Fiction-Autor klassifiziert. Er sagt dazu: „Ich bin ein zukunftsgerichteter Mensch, auch wenn dieser Roman in der Vergangenheit spielt.“ Für ihn ist „NSA“ darum eine Vision für die Zukunft. Für den „,worst Case‘, dass eine Regierung mit ausgeprägtem Feindbild sich unserer Daten bemächtigt“. Fanatiker, die das ausnutzen wollten, gäbe es zur Genüge auf der Welt.
Der „schlimmste Fall“ in „NSA“ ist, dass die Nazis sich in US-„Komputer“ hacken, das Atomprogramm ausspionieren und regieren. Der Zweite Weltkrieg geht bei Andreas Eschbach anders aus.
Andreas Eschbach:
„NSA“. Lübbe Verlag, Köln, 796 Seiten; 22,90 Euro.