Abenteuer Unvernunft

von Redaktion

Mary Roos, selbstironischer Schlagerstar, feiert heute ihren 70. Geburtstag

VON ULRIKE CORDES

Mit „Arizona Man“ schaffte sie 1970 ihren Durchbruch, 1972 errang sie mit „Nur die Liebe lässt uns leben“ den dritten Platz beim damals noch Grand Prix d’Eurovision genannten Song Contest. Bald darauf gastierte sie wochenlang im legendären Pariser „Olympia“. Später wurde „Aufrecht geh’n“ (1984) einer ihrer größten Hits. Heute begeistert Mary Roos Fans aller Altersstufen unter anderem an der Seite des Comedians Wolfgang Trepper mit dem selbstironischen Anti-Schlager-Bühnenprogramm „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“. Ganz zu schweigen von der Rheinfähre, der die Sängerin ihren Namen geben durfte: Seit knapp zwei Jahren verkehrt die „Mary Roos“ auf dem Strom zwischen ihrem Geburtsort Bingen und Rüdesheim.

Kein Zweifel: Die Beliebtheit von Mary Roos ist ungebrochen. Heute feiert die in Hamburg und Hessen lebende Künstlerin, die von sich sagte, sie wolle eine „schrille Alte“ werden, ihren 70. Geburtstag. „Nun bin ich so schrill geworden, das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können“, sagt sie. Um gleich hinzuzufügen, dass sie den Siebzigsten kaum beachte, sondern nach wie vor Neues ausprobiere.

„Abenteuer Unvernunft“ ist denn auch der Titel der Tournee, auf der sich Mary Roos ihren Anhängern zum runden Geburtstag präsentiert. Am 30. April gastiert sie im Münchner Circus Krone. „Wenn man immer wieder etwas vorhat, lebt es sich doch viel besser“, meint die Sängerin, die ihre ersten Auftritte bei Fünf-Uhr-Tees im Hotel ihrer Eltern absolvierte. Entdeckt wurde Rosemarie Schwab mit neun Jahren von einem Produzenten, ihre erste Platte hieß „Ja, die Dicken sind ja so gemütlich“.

Der Künstlername ist dem Hang zum Englischen in jener Zeit geschuldet. Seit Beginn ihrer Karriere hat Mary Roos nicht nur Schlager gesungen, sondern Vielfalt gewagt – den Plattenbossen zum Trotz. Chansons, Kinderlieder, Coverversionen internationaler Popsongs gehören zu ihrem Repertoire. Bereits 1971 erhielt sie mit „Mary’s Music“ ihre erste Fernsehshow-Reihe. Ein Jahr lang gastierte sie zudem in der Regie von Samy Molcho am Stadttheater Münster im Musical „Show Boat“ in der Hauptrolle der Magnolia.

Da hatte sie auch schon Filmrollen gespielt (so in Will Trempers „Sperrbezirk“, 1966). „Ich galt in der Branche immer als „die ,Aparte‘ – dieses Wort habe ich gehasst ohne Ende. So konsequent wie ich jetzt bin, das passierte allerdings erst ab 40“, sagt Mary Roos. „Man muss mutig sein im Leben – ich glaube, das ist der Schlüssel“, sinniert eine Frau, die sich als Unicef-Botschafterin für Kinder in Südamerika eingesetzt hat. Zweimal war sie verheiratet: mit dem Franzosen Pierre Scardin (von 1969 bis 1977), der ihr Manager wurde und sie mit der Musik und Lebensart seines Heimatlandes vertraut machte, sowie von 1981 bis 1989 mit Werner Böhm alias Entertainer Gottlieb Wendehals („Polonäse Blankenese“), dem Vater ihres sie heute managenden Sohns Julian Böhm (32). Über jene schlagzeilenträchtige Verbindung hüllt sich Mary Roos, mittlerweile Single, lieber in Schweigen.

Auch ihre jüngere Schwester Monika alias Tina York hat es bekanntlich ins Rampenlicht („Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“, 1974) gezogen – der Schlager liegt also quasi in der Familie. Ihrer eigenen Karriere habe sie sich stets mit großer Disziplin gewidmet, anders gehe es gar nicht, erklärt die Künstlerin, die wichtige Lektionen von ihrer großen Kollegin und Mentorin Caterina Valente gelernt hat. Privat sei sie aber „stinkefaul, das geb’ ich gerne zu“, sagt Roos.

Um Kräfte zu tanken, liege sie am liebsten auf dem Sofa und lese. „Es gibt so viele Sänger, die besser sind als ich“, resümiert sie ihre Laufbahn, „doch es kommt eben nicht nur auf die Stimme an. Man sollte zwar diszipliniert sein, aber nicht zu ehrgeizig. Es kann ja jederzeit vorbei sein. Wichtig ist vor allem, dass man Spaß hat an den Sachen, die man macht – und dankbar. Für das, was mir wichtig ist, setze ich mich ein bis zur Bewusstlosigkeit.“

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