Tenor auf Abwegen

von Redaktion

Jonas Kaufmanns Münchner Liederabend

VON TOBIAS HELL

Dass er von Schubladendenken wenig hält, das weiß man bei Jonas Kaufmann schon länger. Gelingt es ihm doch nach wie vor, italienische und französische Partien geschickt mit seinen Wagner-Rollen in Balance zu halten. Dass ihm das Tenorfach allein hierbei nun anscheinend nicht mehr ausreicht, ist hingegen neu, wundert aber nur bedingt. Pendelt eine Cecilia Bartoli doch schon seit Jahren erfolgreich zwischen den Welten. Und nach Placido Domingo wagte sich jüngst auch Rolando Villazón mit dem Papageno an eine neue Baritonrolle. Hier reihte sich jetzt auch Jonas Kaufmann ein, der bei Mahlers „Lied von der Erde“ im Münchner Gasteig am selben Abend neben der Partie des Tenors auch gleich die für Alt beziehungsweise Bariton komponierten Soli übernommen hatte.

Was im ersten Moment noch wie ein Publicity-Stunt erschien, entpuppte sich beim zweiten Hinhören jedoch als gar nicht so abwegig – selbst wenn man eine gestandene Altistin als Kontrast bevorzugen mag. Denn mit eingedunkeltem Timbre wusste Kaufmann gerade beim „Einsamen im Herbst“ oder dem höchst nuancierten „Abschied“ zu punkten. Während die tenoralen Höhen beim „Trinklied“ doch sehr nach Arbeit klangen und es der „Jugend“ an Geschmeidigkeit fehlte, schien die Stimme in tieferer Lage deutlich entspannter zu strömen und auch in den Piani druckloser abzusprechen.

Das mochte auch daran liegen, dass Jochen Rieder am Pult des Sinfonieorchesters Basel im Finale von Mahlers Partitur endlich differenziertere Töne anschlug. Wodurch sich seine Musikerinnen und Musiker ebenfalls besser profilieren konnten als noch beim „Zarathustra“, der den Abend eröffnet hatte. Klang die berühmte Tondichtung hier doch überraschend beiläufig und teilweise so, als würde der Strauss nicht Richard, sondern Johann heißen.

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