„Wie werden wir geliebt?“

von Redaktion

VORSCHAU Jugendliche entwickeln für die Schauburg das Stück „Bodybild!“

VON MELANIE BRANDL

Das Stück ist seinen Darstellern auf den Leib geschrieben worden. Buchstäblich. Als die Münchner Schauburg der Schweizer Autorin Julia Haenni und dem aus Mannheim stammenden Regisseur Daniel Pfluger anbot, ein Projekt zum Thema „Körperlichkeit“ zu inszenieren, war beiden schnell klar: Das geht nur mit den Jugendlichen gemeinsam. Sie sollen nicht in irgendeine Figur schlüpfen, die  irgendetwas  sagt – sie sollen sich selbst spielen und ihre eigenen Gedanken und Erfahrungen thematisieren. Daraus ist „Bodybild!“ entstanden, das am Samstag uraufgeführt wird.

In Zeiten von Instagram & Co. spielt die Kommunikation über Bilder gerade für junge Menschen eine immer größere Rolle: Man präsentiert sich im Netz, vergleicht sein eigenes mit dem Körperbild der anderen. Schöner, sportlicher,  cooler. „Körperlichkeit ist ein extrem persönliches Thema“,  erklärt Daniel Pfluger (Foto: Johannes Moss), „und gleichzeitig macht es wahnsinnig verletzlich. Diese Verletzlichkeit gepaart mit der Sehnsucht, geliebt zu werden, ist uns allen zu eigen.“ Deshalb greife es direkt auf das Publikum über, berühre jeden. Zudem habe jeder seine Probleme, Geheimnisse mit seinem Körper. „Junge Menschen auf die Bühne zu stellen, die genau davon erzählen, und damit ein paar Barrieren des Schweigens zu brechen, das war das Ziel.“

Sein Anspruch ist zunehmend, Theater zu machen, das wichtig ist für die Zuschauer, die Gesellschaft, die Zielgruppe, überlegt Pfluger: „Hier spielen Jugendliche für Jugendliche – etwas Geileres kann es nicht geben!“ Natürlich ist ihm dabei die Verantwortung bewusst. Denn bei aller Authentizität soll niemand auf der Bühne vorgeführt werden. „Das hat viel mit Respekt und Vertrauen zu tun. Und natürlich ist trotzdem jeder Einzelne im Stück ein wenig verfremdet.“

Gewachsen ist dieses Vertrauen über Monate in intensiven Proben, Kursen und Gesprächen. 15 Jugendliche im Alter von 14 bis 22 Jahren hatten Pfluger und sein Team im Frühsommer ausgewählt. Nach welchen Kriterien, wenn das Thema „Körperbild“ ist? Pfluger: „Tatsächlich nicht nach dem Aussehen. Das wichtigste Kriterium für mich waren die Bereitschaft, der Mut und die Neugierde, Neues auszuprobieren. Dazu kam eine gewisse Gruppenkompatibilität – wir wollten keine Ego-Shooter, sondern Individuen, die Lust hatten, anderen etwas von sich zu erzählen.“ Das wurde dann ausgiebig praktiziert, bevor Julia Haenni  einen Text daraus zauberte.

„In dieser Inszenierung sind wir auf der Suche nach uns selbst“, fasst der 19-jährige Janik Kittirath, einer der Darsteller, die Handlung von „Bodybild!“ zusammen. „Wir suchen Lösungsansätze für die Frage: Wie und warum werden wir geliebt?“ Hat man denn keine Skrupel, so viel von sich öffentlich preiszugeben? Die Schülerin Johanna Ammon, 15 und ebenfalls Teil des Ensembles, zögert nur kurz.  „Irgendwann wurde mir  plötzlich  klar: Wir stehen viel nackter auf der Bühne, weil wir uns nicht in einer Figur verstecken können. Aber genau das macht es spannend. Ich habe viel über mich gelernt. Und weil das Thema dieses Schubladendenkens in Sachen Körperlichkeit wirklich uns alle betrifft, glaube ich, dass das Stück extrem zum Nachdenken anregt.“

Dass Vertrauen und Gruppengefühl keine leeren pädagogisch wertvollen Floskeln, sondern im Projekt „Bodybild!“ gelebte Realität sind, ist sofort spürbar. Übungen zur Körperkoordination, Artikulation und Konzentration eröffnen die Probenarbeit und sind gekoppelt an viel Spaß. Bei der Kritik des ersten Durchlaufs sitzt der Regisseur mit seinen Darstellern im Kreis auf der Bühne, lobt überzeugende Momente und erörtert sachlich, aber persönlich, welche Schwächen zu erkennen waren. Die jungen Leute hören zu, nehmen die Kritik an, saugen jede Information auf. Pfluger, dessen Karriere am Theater ebenfalls in solch einem Workshop begonnen hat, beherrscht die Kunst, seinen Schützlingen das Handwerk des Schauspielens plastisch zu vermitteln. „Am Ende dieser Szene muss der Zuschauer Eure Angst, gescheitert zu sein, spüren“, erläutert er zum Beispiel und blickt kurz in die Runde. „Stellt Euch vor, ich sage Euch heute: Die Premiere am Samstag fällt aus.“ Blankes Entsetzen spiegelt sich in allen 15 Gesichtern. „Genau diesen Ausdruck möchte ich in dem Moment sehen.“ Daniel Pfluger lächelt, die Kids kichern und nicken.

Premiere

ist am Samstag, 19 Uhr; Karten mit etwas Glück an der Abendkasse.

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