Befragung des Materials

von Redaktion

Nils Strunk feiert im Residenztheater den 90. von Heiner Müller

VON MICHAEL SCHLEICHER

„Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder“, war Heiner Müller überzeugt. „Denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.“ Damit erklärte der (ost-)deutsche Autor und Theatermacher seinen Arbeitsantrieb. Das Zitat trifft heute freilich auch auf die Auseinandersetzung mit seinem Werk zu. Müller (1929-1995) wäre am Mittwoch 90 geworden; am Münchner Residenztheater erinnerte Nils Strunk an den vielleicht wichtigsten deutschen Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ins Zentrum seiner literarisch-musikalischen Müller-Befragung stellte der Schauspieler nicht die großen Dramen, also keine „Hamletmaschine“ (1977), auch kein „Auftrag“ (1979), „Quartett“ (1980/81) oder „Mauser“ (1970). Letztgenanntes Stück ist, inszeniert von Oliver Frljić, am Mittwoch wieder im Marstall zu sehen. Strunk beschäftigte sich in der voll besetzten Theaterbar „Zur schönen Aussicht“ (im Publikum waren auch Gäste, die 1968 in der von Hans Lietzau im Cuvilliéstheater eingerichteten „Philoktet“-Uraufführung saßen) vielmehr mit weniger bekannten Werken, mit „Der Horatier“ (1968) und „Glücksgott“ (1958). Eine kluge Wahl, veranschaulichte sie doch zwei wichtige Bezugspunkte in Müllers Schaffen: die Antike und ihre Mythen sowie Brecht, dessen Fragment „Reisen des Glücksgotts“ er bearbeitet hat.

Unterstützt von Soundschnipseln und eigener Lautmalerei gestaltete der Schauspieler die Texte. Besonders eindrucksvoll und dennoch spielerisch leicht arbeitete er beim „Horatier“ Gerechtigkeit, aber auch Brutalität der Dialektik heraus. Beides faszinierte Müller, der Text war sein Kommentar auf die Niederschlagung des Prager Frühlings: „Da ist der Sieger. Sein Name: Horatius./ Da ist der Mörder. Sein Name: Horatius./ Viele Männer sind in einem Mann.“ Ein einmaliger Abend – bezogen auf fehlende Folgevorstellungen ist das bedauerlich.

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