„Wie geht Erinnern in der Zukunft?“ Das ist eine der Fragen, die Mirjam Zadoff, seit Mai 2018 Chefin des NS-Dokumentationszentrums München, umtreibt. Deswegen öffnet sie das Haus am Max-Mannheimer-Platz (beim Königsplatz) energisch der Bildenden Kunst. Das Programm für das nun begonnene Jahr stellte sie zusammen mit Kulturreferent Hans-Georg Küppers und Noch-Direktor der Kunsthalle Wien, Nicolaus Schafhausen, vor. Der namhafte Kurator ist das weithin blinkende Signal, dass es zukünftig nicht mehr nur begrenzte Wechselausstellungen von Bildern geben wird, sondern beherzte Zugriffe aufs komplette Gebäude samt Umfeld.
Benjamin und Emanuel Heisenberg haben mit ihrer genialen Videoinstallation „Brienner 45“ vor dem Zentrum ja schon in diese Richtung gewiesen. Die witzig und hochintelligent kombinierten Filme erklären mehr als viele wissenschaftlichen Analysen. Für Schafhausens Schau „Tell me about yesterday tomorrow“ (28. November 2019 bis 30. August 2020) sollen circa 15 Künstler Werke exklusiv für das NS-Dokuzentrum und dessen Themen entwickeln. Er hat schon einige angefragt – zwischen Amerika, Nahem Osten und Europa – und „alle haben sich, was ich interessant finde, Bedenkzeit erbeten“, erzählt der Kurator. Wie wir auch seien die Künstler verunsichert angesichts des zunehmenden Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. Außerdem würden sich viele Künstler genau überlegen, ob und von wem sie ihr Schaffen „instrumentalisieren“ ließen.
Zadoff hatte Schafhausen angefragt, weil viele seiner Projekte aufs Politische zielten und er im März Wien verlässt – unter anderem wegen der stark rechtslastigen Regierungskoalition. Namen, die für München im Gespräch sind, nannte er nur einige; etwa Olaf Nicolai aus München oder Ydessa Hendeles aus Kanada. Ein zentrales Anliegen ist die Freiheit der Kunst und der Künstler – insbesondere im Hinblick auf einige autoritäre Regime in Europa wie Ungarn, Polen oder Russland, die Kunst vereinnahmen und kontrollieren wollen.
Diese Linie Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft ist die Leitlinie für Mirjam Zadoffs Arbeit am Dokumentationszentrum, egal, ob es um Vermittlungsarbeit geht oder um Veranstaltungen und Wechselausstellungen. Genau das und auch die fröhliche Wandlung des Hauses freuen Küppers, der sich in seiner Wahl für die Nachfolge von Gründungsdirektor Winfried Nerdinger bestätigt fühlen darf. Die Geschichtsprofessorin kann in der Tat schon jetzt mit Erfolgen aufwarten. Im vergangenen Jahr kamen 20 Prozent mehr Besucher ins Haus, darunter ein Fünftel Gruppen wie Schulklassen. „Wir haben aktive Besucherakquise betrieben“, sagt die Direktorin.
Zu dem Konzept als „Haus an der Schnittstelle von Vergangenheit und Gegenwart, das in die Zukunft involviert“ sein möchte, gehören naturgemäß die Veranstaltungen. Da wird zum Beispiel über „,Grenz-Lines‘ – Wie rassistisch ist der Gangsta-Rap?“ mit den Rappern Leila Akinyi und Ben Salomo sowie mit einem Lehrer und einem Linguisten gesprochen (am 14. März). Da erzählen Avi Avital und David Adorján mit Mandoline und Cello von „Musik & Exil“, ebenfalls wissenschaftlich unterfüttert (14. Februar; mit BR-Klassik). Ähnlich funktioniert die Zusammenarbeit mit der Staatsoper und dem Max-Planck-Institut beim Abend „Gefährdet Migration wirklich unseren Zusammenhalt? Und wenn ja, warum?“ (26. Januar). Neben der Musik und Gesellschaftswissenschaften kommen beim Programm ebenfalls Literatur und Film zu ihrem Recht.
Vielleicht noch wichtiger als dieses Angebot ist das für Schüler und Lehrer, das experimentell erweitert wird am geplanten Erinnerungsort Zwangsarbeiterlager Neuaubing. Dabei behält Mirjam Zadoff das Digitale für Jugendliche genauso im Auge wie körperliche Erfahrungen (Handwerk). Dazu passt bestens der Eingriff in die Dauerpräsentation mit „Nicht Schwarz-Weiß – Eine Intervention in Farbe“ (ab 28. Februar). Auszubildende an der Städtischen Berufsschule für Farbe und Gestaltung – von visuellem Marketing bis zum Wachsziehen – setzen ihre speziellen Akzente.
Die Reihe der Sonderausstellungen beginnt aber schon am 14. Februar mit Ronit Agassis Werk „Die fünfte Jahreszeit“, die Zartheit und Zerbrechlichkeit poetisch analysiert. Ab 30. Mai treffen sich der Roman „Die Stadt ohne Juden“ von Hugo Bettauer und der Film von 1924 zur Schau „Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge“. Untersucht wird die Strategie, Ausgrenzung stetig zu verschärfen – einst und jetzt.
Die Freiheit der Kunst und autoritäre Regime
Mischung aus Rappern, Künstlern und Soziologen